Urban Solutions
Prof. Dr. Dieter Hassenpflug
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Interview für China Time 08.2018 (vollständige Version)

 

1. Welche Rolle spielen die Urbanisierung und der Städtebau im heutigen China?

Wie überall auf der Welt ist der mit der Umschichtung der Bevölkerung vom Land in die Stadt verbundene Prozess der Urbanisierung ein Indikator für die Transformation einer agrarisch-ländlich charakterisierten in eine moderne, arbeitsteilig-industriell geprägte Gesellschaft. Überaus beeindruckend ist dabei die Geschwindigkeit, in welcher sich die Verstädterung in China vollzieht: So ist der Urbanisierungsgrad in den vergangenen 40 Jahren von unter 20% auf ca. 60% gestiegen und wird in kurzer Zeit die Sättigungsgrenze von ca. 80% erreichen. Eine solche Urbanisierungsdynamik ist in der Weltgeschichte zwar nicht gänzlich beispiellos, doch die Größenordnung, in denen sich die Verstädterung vollzieht, kennt kein Vorbild. So sind in den ersten 30 Jahren nach der Öffnung täglich durchschnittlich 35 Dörfer im Tsunami des Städtewachstums verschwunden oder, wie in Shenzhen, “urbanisiert” worden. Dazu wurden jährlich etwa 1,5% des fruchtbaren Ackerlandes überbaut. Inzwischen gibt weit über 100 Städte mit mehr als 1 Mio EW und 10 Megastädte, d.h. Städte mit über 10 Mio EW. Besonders dynamische Städte wie Shenzhen, Shanghai, jedoch auch Beijing oder Chongqing und andere sind phasenweise mit mehr als 250 Tsd EW p.a. gewachsen. Man kann sich kaum vorstellen, welche Herausforderungen für Stadtplanung und Städtebau mit diesem Wachstum verbunden sind.
Mein Eindruck ist, dass der Städtebau in China allgemein einen viel höheren gesellschaftlichen, öffentlichen und medialen Stellenwert besitzt, als dies etwa in Deutschland der Fall ist. Eine einzigartige Institution chinesischer Städte unterstreicht diese Behauptung in gebotener Deutlichkeit: Gemeint sind die in der Regel im Stadtzentrum platzieren Stadtgalerien, deren mit Abstand wichtigstes Ausstellungsstück immer ein physisches und durch Videoanimationen ergänztes, beleuchtetes und interaktives Modell der Stadt und ihrer zukünftigen Entwicklung ist. Da es diese repräsentativen, in der Hierarchie öffentlicher Gebäude sehr hoch angesiedelten Ausstellungsgebäude in nahezu jeder chinesischen Großstadt gibt, werden diese zu einem die chinesischen Städte verbindenden Symbol. Damit spielen sie heute eine Rolle, die derjenigen der Stadtmauern in der kaiserzeitlichen Vergangenheit nahe kommt. Während die Mauern die Gegenwart des Kaisers symbolisierten, stehen die Stadtgalerien für die Einheit des modernen China. Der Städtebau wird so zu einem Medium des neuen chinesischen Selbstbewusstseins.

2. Was ist der Urbane Code in China?

Den Begriff “urbaner Code” ordne ich der Stadtsemiotik zu, also der Wissenschaft von der Erforschung der Zeichenhaftigkeit des städtischen Raums und der Elemente, die diesen Raum konstituieren und charakterisieren. Es geht somit nicht um Zeichen im städtischen Raum, wie z.B. Verkehrsschilder, Reklamebotschaften, Graffiti, Hoheitszeichen usw., mit denen der städtisch Raum über- und durchzogen ist, sondern es geht um die Entschlüsselung jener sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Wirkkräfte, die der Produktion und Formierung der Stadt zugrunde liegen. Die urbane Semiotik ist insofern ein wissenschaftliches Werkzeug, um die in der Stadt verräumlichten soziokulturellen Botschaften zu decodieren. Die Stadt wird so zu einem “aufgeschlagenen Buch”, in dem man soziale, gesellschaftliche und kulturelle Botschaften lesen kann.
Besonders ausdrucksstarke Zeichen der chinesischen Stadt sind beispielsweise die geschlossenen Nachbarschaften, bzw. die Barrieren, die die Wohnsiedlungen vom offenen Stadtraum Trennen (Mauern, Zäune, Hecken, bewachte, mit Schranken, Rollgittern o.ä. ausgestattete Tore). Über 90% aller chinesischen Stadtbewohner wohnen in solchen “Compounds” (deutsch: eingehegte Anwesen). Weitere typische Zeichen sind die Bevorzugung der Südorientierung im Siedlungsbau (seit einiger Zeit verstärkt die Anwendung von Regeln des Feng Shui im Städtebau), serielle bzw. kollektive Architektursprachen im Wohnungsbau in horizontalen und vertikalen Formen, lineare, durch Achsen oder Korridore definierte Zentren, Mangel an öffentlichen Räumen u.v.m. Alle diese Raumzeichen verweisen nicht zuletzt auf eine Gesellschaft, in der Familie, Verwandtschaft und deren sozialen Surrogate einen deutlichen Vorrang haben vor dem (solipsistischen und isonomischen) Individuum. China, so demonstriert seine Stadtbaukultur, nimmt die Tradition mit in die Moderne. Das riesige Land ist damit in einer Weise “reflexiv”, d.h. auf die Balance von Geschichte und Gegenwart orientiert, wie dies im westlich-europäischen Städtebau kaum noch vorkommt, bzw. mühsam neu erlernt werden muss.

3. Warum entstehen Hyperstädte, was bedeutet diese Entwicklung für ein Land – und den Menschen?

Der Begriff der ‘Hyperstadt’ ist im wissenschaftlichen Diskurs bisher noch nicht abschließend geklärt und allgemeinverbindlich definiert. So kann man darunter sowohl Agglomerationen bzw. Stadt/Land-Kontinuen mit zahlreichen eigenständigen Gebietskörperschaften verstehen, als auch Agglomerationen, die zu einzelnen eigenständigen Gebietskörperschaften integriert werden. Ich persönlich neige zur zweiten Sichtweise und überlasse die beobachteten Stadt/Land-Kontinuen, die gelegentlich auch als Hyper- oder Metastadt bezeichnet werden, gern dem von Tom Sieverts geprägten Begriff der Zwischenstadt oder vergleichbaren, auf urbane Peripherien bezogene Termini (z.B. Metastadt). Ein empirischer Grund für die zweite Sichtweise ist in China zu finden: Seit einigen Jahren gibt es dort ernsthafte Debatten und politisch-planerische Initiativen, bereits existierende Agglomerationen - bekannt geworden sind vor allem die Metropolregionen “Jing-Jin-Xi” mit Beijing im Zentrum und deutlich über 100 Mio EW, das Pearl-River-Delta (PRD) und die Agglomeration am Jangtse-Delta - weiter zu entwickeln und administrativ zu konsolidieren. Hinzu kommen zunächst zwei weitere strategische Hyperstädte (zum einen die Region Wuhan, Changsha und Nanchang und zum anderen die Region Chongqing-Chengdu).
Wandelt man die Anfangsfrage dahingehend ab, weshalb gerade in den erwähnten drei Regionen Hyperstädte mit bis zu 150 Mio EW entstehen können, dann ergibt sich m.E. das folgende Bild. In JJX sind es zunächst die Hauptstadt Beijing, die hier lokalisierte gewaltige politische Machtkonzentration und das mit dieser verbundene symbolische Kapital, die zum entscheidenden “trigger” der hyperurbanen Entwicklung werden kann. Hinzu kommen die wirtschaftlich erfolgreich operierende Hafenstadt Tianjin, die wirtschaftlichen Effekte anspruchsvoller Bildungseinrichtungen in Beijing usw. All diese Einflussfaktoren sind in China natürlich immer vor dem Hintergrund der enormen Populationsgröße zu sehen. Im PRD sind es die liberalen Impulse, die vor allem von Hongkong und von der durch Deng initiierten Sonderwirtschaftszone Shenzhen ausgehen, verbunden mit einer hohen Produktivität und Innovationskraft. Diese befördern offenbar eine wirtschaftliche Performanz, die auf ganz China eine magnetische Anziehungskraft ausübt. Die Jangtse-Delta-Agglomeration schließlich ist ohne die facettenreiche Ausstrahlung und das enorme innovative, finanzielle und unternehmerische Potenzial der Weltstadt Shanghai nicht zu verstehen.
Die forcierte Entwicklung dieser gewaltigen urbanen und zugleich administrativ integrierten Städtecluster dient vor allen Dingen der verkehrstechnischen und logistischen Vernetzung der Mega- und Millionenstädte und diese urbane Integration wiederum nützt der landesweiten Allokation und Distribution von Wirtschaftskraft, öffentlicher und kultureller Infrastruktur und vor allem einer für China lebenswichtigen Differenzierung der wirtschaftlichen Sektoren, vor allem der Agrikultur einerseits und der industriellen und dienstleistungsbezogenen Sektoren andererseits. In gewisser Weise handelt es sich bei der Förderung von hyperurbanen Clustern um eine die Vertikalisierung im Siedlungsbau (und die damit verbundene Reduktion des Landschaftsverbrauchs) ergänzende stadtplanerische Maßnahme.

4. Was kann Hamburg von seiner Partnerstadt Shanghai lernen?

Shanghai ist eine Stadt, die nach den Sternen greift. Sie misst sich unmittelbar mit Städten wie New York, London, Singapur, Tokio, Los Angeles - und natürlich auch mit Beijing. Diesen Willen, in der Topliga der Weltstädte mitzuspielen, manifestiert und symbolisiert die Wirtschaftsmetropole durch die Wolkenkratzer von Lujiazhui. Shanghai verfügt über den begehrtesten Hukou in ganz China. Man glaubt an die Kraft des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts, organisiert Innovation und Exzellenz, indem mit attraktiven Gehältern und Lebensbedingungen der “braingain” junger Begabungen systematisch organisiert wird - auch mit städtebaulichen Mitteln, wie die Schaffung von kostengünstigen Appartmentsiedlungen zur Förderung junger Karrieren zeigt. Die Universitäten blicken selbst dort, wo sie deutsche Ursprünge haben (Tongji-University), zu den Eliteuniversitäten des angelsächsischen Sprachraums in England und den Vereinigten Staaten, zu Cambridge, Oxford, Harvard, MIT, Yale, Stanford usw.
Von Shanghai kann (und sollte) Hamburg lernen, schneller zu sein, besser, konkurrenzfähiger, neugieriger, ungeduldiger und ungenügsamer in der Verfolgung hoch gesteckter wirtschaftlicher Ziele. Ich sage dies, obwohl ich der Meinung bin, dass die Stadt Hamburg mit der Hafencity das mit Abstand beste Städtebauprojekt Deutschlands auf den Weg gebracht hat und immer noch bringt.
Ein Beispiel aus der Soziologie: Hamburg (Deutschland) kann von Shanghai (China) lernen, wie man erfolgreich mit dem Thema “soziale Mischung” planerisch umgeht. So bewirkt der serielle Siedlungsbau in geschlossenen Nachbarschaften die Bereitstellung von Wohnraum für jeweils weitgehend homogene Einkommensgruppen. Diese Form indirekter Organisation des städtischen Sozialgefüges in untere, mittlere und höhere Einkommensgruppen kommt einer entspannten sozialen Interaktion zugute. Möglichkeiten zur Begegnung der sozial unterschiedlich gestellten Gruppen und Personen bieten demgegenüber die offenen Funktionsräume der Verkehrs-, Einzelhandels- und öffentlichen Naherholungsflächen. In China bilden Segregation oder auch Zonierung einerseits und soziale Mischung bzw. Integration keinen Gegensatz. Anders in Deutschland, wo unter dem Imperativ sozialer Gerechtigkeit in der Raumplanung und mit öffentlichen Mitteln gestützt (sozialer Wohnungsbau) eine kleinteilige soziale Mischung angestrebt wird - mit sehr überschaubaren Erfolgen, wie Fehlbelegungen oder auch fortgesetzte Gentrifizierungsprozesse belegen. Die mit der Praxis kleinräumiger sozialer Mischung einhergehenden sozialen Spannungen kann es unter den chinesischen Bedingungen der homogenen Nachbarschaften nicht geben. Somit erweist sich China auch auf dem Gebiet der sozialen Integration als Meister des Ausgleichs oder besser: des Managements von sozialen Konflikten. In Deutschland könnten Städtebau und Stadtplanung von China insofern lernen, als von vornherein großräumiger für unterschiedliche Einkommensklassen geplant und gebaut wird - ohne dabei dem Modell der geschlossenen Nachbarschaften zu folgen. Da Segregation oder auch Gentrifizierung faktisch unvermeidliche sozialräumliche Prozesse sind, kommt es darauf an, sie planerisch so zu kontrollieren, dass sie zur Befriedung sozialer Spannungen beitragen können.

5. Ist die Städtebauentwicklung Chinas für uns Vorbild, Zukunft – oder Grauen?

Von wenigen Aspekten abgesehen kann die Urbanisierung Chinas für die Stadtentwicklung in Deutschland nicht Vorbild und auch keine Zukunft sein. Dazu sind die Gesellschaften und insbesondere die Kulturen beider Länder viel zu unterschiedlich. Auch die immer noch vielerorts anzutreffende schlechte Bau- und Materialqualität im Städtebau ist wenig nachahmenswert.
Dennoch lohnt es sich für deutsche Städtebauer und Stadtplaner, in China genau hinzuschauen. Ich denke da allererst an den für die Millionen-, Mega- und Hyperstädte “smarten” Stadtbaustein der geschlossenen Nachbarschaften mit ihrem vom Stadtraum abgetrennten internen Erschließungssystem. Dieses städtische Element ist nicht nur intelligent, da es, wie dargestellt, soziale Spannungen zu vermeiden vermag, sondern auch, weil es unter Bedingungen extrem hoher Siedlungsdichte konkurrenzfähige, teils hervorragende Wohnumfeld-Bedingungen gewährleistet und zudem logistische Vorteile mit sich bringt. Ich denke da beispielsweise an die mit Smartphone-Apps bedienbaren Pickpoints für Paketdienste an den Haupttoren, an die Nahversorgungszeilen, die nicht nur fußläufige Einkaufsmöglichkeiten bieten, sondern zugleich als ‘Mauerersatz’ funktionieren und gegen die Emissionen der Großstadt schützen.
Ich denke ferner an den unbekümmerten Umgang mit den stilistischen Freiheiten der Postmoderne - auch und gerade im Siedlungsbau, an die Geschwindigkeit, mit denen Großprojekte erfolgreich implementiert werden, an die vertikale und kompakte und insofern den Landverbrauch reduzierende, ressourcenschonende Stadtentwicklung. Vor allen Dingen  lässt sich in China lernen, dass hohe Dichte und hohe Qualität der Wohnumwelt kein Widerspruch sein müssen. In Deutschland herrscht vielerorts noch der Irrglaube, dass nur geringe Bebauungsdichte eine lebenswerte Wohnumwelt gewährleisten könne.

6. Was bedeutet die Urbanisierung für die Ökologie des Landes?

Das Besondere an der chinesischen Urbanisierung ist ja die Gleichzeitigkeit der Industrialisierungsregimes und damit zugleich der Epochen der Verstädterung: was in Europa sukzessive vonstatten ging, nämlich liberale (frühindustrielle), fordistische und postfordistische Stadtentwicklung, vollzieht sich in China gleichzeitig. In dieser Gleichzeitigkeit liegt ein Teil des Geheimnisses der unvergleichlichen Entwicklungsdynamik des Landes. Diese charakteristische Entwicklung hat zur Folge, dass die Probleme ungezügelter Frühindustrialisierung mit ihrem Übermaß an externen Effekten, an Emissionen, mangelhafter Nachbereitung von Abwassern, Abfällen, Rauch und Emissionen aller Art etc. sich massiv negativ in vorhandenen Ökosystemen bemerkbar machen. Viele wichtige Ökosysteme Chinas (Flüsse, Seen, Meeresküsten, ländliche Biotope aller Art) sind stark bedroht und teils auch schon kollabiert. Das Artensterben in Flora und Fauna ist hoch. Die extrem intensive Landwirtschaft trägt erheblich dazu bei, auch zur Kontaminierung des Grundwassers. Hinzu kommt die hohe Versiegelung von Böden in Städten und die in sehr vielen Millionenstädten zu beobachtende dramatische Unterdimensionierung der Abwassersysteme.
Doch die Gleichzeitigkeit der Verstädterungs- und Industrialisierungsregimes bedeutet eben auch, dass die materiellen, technischen und wissenschaftlichen Mittel bereits vorhanden sind, um die Probleme des industriellen “take-offs” zu lösen. Eine weitere gute Nachricht ist, dass China aufgrund seiner politisch-administrativen Strukturen und des Staatseigentums an Grund und Boden in der Lage ist, viele Umweltproblem ebenso schnell zu lösen, wie die Urbanisierung vonstatten ging - vorausgesetzt, sie lassen sich noch lösen.

7. Wie wird China die Welt und uns verändern?

Schöne Frage. Also mich hat China auf jeden Fall schon stark verändert. Das ist nicht nur persönlich gemeint, sondern vor allem auch fachlich: erst durch die intensive Erforschung der chinesischen Stadt und ihrer Entwicklung haben sich mir die sozialen und kulturellen Besonderheiten der deutschen bzw. europäischen Stadtentwicklung  in ihrer ganzen Breite und Tiefe erschlossen. Den chinesischen Städtebau erforschen zu dürfen war und ist für mich eine interkulturelle Win/Win-Situation.
China ist heute - wieder - eine Weltmacht und beeinflusst als solche den Rest der Welt auf vielfältige Weise: politisch, wirtschaftlich, kulturell. Handel und industrielle Kooperationen dehnen sich aus und greifen immer tiefer in die bilateralen und globalen Wirtschaftsbeziehungen, die chinesische Sprache wird immer wichtiger und dürfte in absehbarer Zeit zu den bedeutsamsten Fremdsprachen an deutschen Schulen gehören, die chinesische Medizin wird immer häufiger konsultiert, die Kontakte auf den Gebieten des Sports, der Musik, des Designs und der Medien wachsen usw. So ist China schon längst eine Quelle der Inspiration, ein Partner auf vielen Gebieten, eine Bereicherung unseres Lebens.
Zugleich ist das ‘Land der Mitte’ jedoch auch ein Konkurrent um geistige und materielle Ressourcen, eine Herausforderung an die kulturelle Identität Deutschlands als einer Republik in Europa. Schon längst hat der erfolgreiche Wiederaufstieg Chinas das selbstgefällige universalistische Selbstverständnis der Aufklärung, auf deren Errungenschaften wir uns allerdings zu Recht immer wieder berufen, mächtig ins Wanken gebracht. Denn das heutige China macht vorstellbar, dass es noch mindestens einen weiteren erfolgversprechenden Weg in die Moderne gibt als den europäisch-westlichen: den Weg eines von konfuzianischen Werten geleiteten, hierarchisch und kollektiv strukturierten, und zugleich Wissenschaft, Industrie und Marktwirtschaft fördernden Staatswesens.
China hat die Welt übrigens immer schon verändert. Man denke beispielsweise an den mittelalterlichen Technologietransfer via alte Seidenstraße, der in Europa dazu beitrug, dass nach dem Zerfall des weströmischen Imperiums sich unter günstigen klimatischen Randbedingungen eine völlig neue, einzigartige Stadtkultur entwickeln konnte (z.B. trugen Kummet und dreigliedriger Pflug zu jener Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft bei, die eine Surplusbevölkerung hervorbrachte, die in neuartigen Städten Erwerbsformen wie Handel und Handwerk zur Lebensgrundlage machten). Man denke auch an die vielfältigen Einflüsse chinesischer Philosophie auf das westliche (dialektische) Denken, auf das Porzellan, auf die Navigationstechnik von Schiffen und vieles mehr. Und die weitere historische und archäologische Forschung wird noch einiges ans Licht bringen, da bin ich mir sicher.

8. Gibt es im heutigen Qingdao Vergleichbares zu Hamburg?

An dieser Stelle zunächst nur so viel: Die einstige deutsche Kolonialstadt und Partnerstadt Regensburgs wird in Kürze zu den Megastädten Chinas mit mehr als 10 Mio EW aufschließen. Erheblichen Einfluss auf das Größenwachstum haben u.a. die gewaltigen Stadtentwicklungsaktivitäten in Huangdao südlich der Jiaozhou Wan. Erschlossen wird dieses Gebiet aus der Perspektive des Stadtzentrums durch die fast 27 km lange Jiaozhou Wan Brücke, die in der chinatypischen Rekordbauzeit von 4 Jahren fertiggestellt wurde. In Huangdao liegt nicht nur einer der größten Überseehäfen Chinas, sondern auch die Sino-German Eco City Qingdao. Beide, Hafen und Eco City, verbinden Qingdao mit Hamburg. Beim Hafen liegt dies auf der Hand, bei der Ökostadt handelt es sich um ein bilateral hoch angesiedeltes Projekt, dessen Masterplan aus dem Hamburger Architekturbüro von GMP stammt.
Ansonsten gilt für den Vergleich von Hamburg und Qingdao Ähnliches wie für denjenigen der Hansestadt mit der Partnerstadt Shanghai: Größenmäßig ist Qingdao Hamburg ebenfalls weit davongeeilt und auch hier herrscht eine Aufbruchstimmung, von der sich nicht nur die deutsche Stadt Hamburg eine Scheibe abschneiden kann. Der unternehmerische Geist Qingdaos manifestiert sich nicht zuletzt darin, dass hier Konzerne wie Hisense und Haier ihren Sitz haben.