Urban Solutions
Prof. Dr. Dieter Hassenpflug
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1. Die deutsche und chinesische Großsiedlung in kulturvergleichender Perspektive


Um deutsche und chinesische Großsiedlungen miteinander zu vergleichen, ist es erforderlich, die “Großsiedlung” zunächst einmal einer begrifflichen Begutachtung zu unterziehen; denn je nachdem, wohin man schaut - nach Deutschland oder nach China - unterscheidet sich dieser Siedlungstyp fundamental.
Schon ein flüchtiger Blick nach China zeigt, dass dort Großsiedlungen der dominierende Stadtbaustein nicht nur in der Vergangenheit waren, sondern auch in der Gegenwart sind. Tag für Tag werden überall in dem bevölkerungsreichsten Land der Welt die Tore neuer Wohnsiedlungen geöffnet, mit in den Himmel ragenden Wohngebäuden und mit vielen Tausenden von Einwohnern (EW). Die größte Hochhaussiedlung in Shanghai, ‘Brilliant City’ am Suzhou-Fluss, hat beispielsweise ca. 50 Tsd EW.
Kein Wunder, wenn man auf die jüngere Verstädterungsdynamik Chinas schaut: So ist der Urbanisierungsgrad seit der Öffnung Chinas vor ca. 36 Jahren von unter 20% auf mittlerweile ca. 55 % emporgeschnellt. Es wird prognostiziert, dass in ca. 15 Jahren mehr als eine Mrd. Menschen in dann mehr als 200 Städten mit über 1 Mio EW und ca. 10 Megastädten (mit mehr als 10 Mio EW) leben werden. Städte wie Shenzhen im Süden, Shanghai in der Mitte oder Peking im Norden sind nach der Öffnung des Landes und bis vor wenigen Jahren um durchschnittlich über 200 Tsd EW p.a. (!) gewachsen, in 4 Jahren um knapp 1 Mio. EW.
Man kann leicht ermessen, welche Herausforderungen dieses Städtewachstum für die örtliche Stadt- und Gebietsplanung und für den lokalen Großsiedlungsbau bereithält. Wie die Flutwellen eines Tsunami ergießen sich die Städte in das umgebende Land und begraben Dörfer und Äcker gleichermaßen unter sich. In den Jahren zwischen 1980 und 2010 verschwanden auf diese Weise durchschnittlich 35 Dörfer pro Tag; und pro Jahr wurden in dieser Zeit durchschnittlich etwa 1,5 % des verfügbaren Agrarlandes überbaut - was schon mittelfristig eine enorme Bedrohung für die Nahrungssicherheit des chinesischen Milliardenvolkes darstellt.
In Deutschland findet demgegenüber eine Urbanisierung kaum noch statt, wenngleich der Landschaftsverbrauch durch Zersiedelung städtischer Peripherien nicht unerheblich ist. Hier ist die Großsiedlung kein dominierender Siedlungstyp mehr - und vielleicht ist sie dies auch nie gewesen. Sie findet sich zumeist an den Stadträndern, wo sie heute mit dispersen Siedlungen aus Einfamilienhäusern konkurriert. Auch haben sich in jüngerer Zeit vielerorts attraktive Innenstädte zu einer Siedlungsoption gemausert - insbesondere für junge Menschen.
In Deutschland, wie überall in Europa, repräsentieren Großsiedlungen durch ihre Architektur und räumliche Organisation eine vergangene Zeit, die Zeit der Blüte der sozialdemokratischen und sozialistischen Moderne des 20. Jahrhunderts vor und nach dem 2. Weltkrieg. Bei den Wohngebäuden handelt es sich in der Regel um mehrgeschossige Zeilenbauten, gelegentlich auch um Punktbauten, die unter weitestgehendem Verzicht auf Fassadenornamentierungen aus vorgefertigten Elementen assembliert wurden. Fachleute sprechen vom funktionalistischen Städtebau, der Volksmund hingegen bevorzugt die Rede von den ‘Plattenbausiedlungen’ - und Leipzig-Grünau ist eine typische, ziemlich groß - und gerade darin auch repräsentativ - geratene Ausgabe dieser Spezies.
Zwischen dem maoistischen Städtebau Chinas und dem deutschen Großsiedlungsbau der Nachkriegszeit besteht eine enge Verbindung. So wurde jener maßgeblich durch den poststalinistischen Siedlungsbau der Sowjetunion geprägt, dessen baukonstruktive, funktionale und ästhetische Konzepte wiederum von der klassischen Moderne des Westens inspiriert wurden. Insoweit verdankt sich der sozialistische Großsiedlungsbau Chinas einem ‘transcontinental flow’ von Europa nach China, um den bekannten Topos von Mario Gandelsonas vom ‘transatlantic flow of design’ zwischen Nordamerika und Europa einmal abzuwandeln.
Beim näheren Hinsehen zeigen sich jedoch konzeptionelle - wenngleich kaum bauliche bzw. bautechnische - Differenzen zu den offenen Großsiedlungskonzepten Europas: Die chinesischen Wohnsiedlungen sind nahezu durchgängig abgeschlossen, d.h. durch Mauern und Zäune eingehegt und mit bewachten Toren versehen. In der Mao-Zeit handelt es sich in der Regel um ‘Danwei’, um integrierte städtische Produktionsgenossenschaften, wo man nicht nur wohnte, sondern auch arbeitete, einkaufte, zur Schule ging, medizinisch versorgt wurde etc. Die Danwei waren in nahezu prototypischer Weise urbane Dörfer.
Neben der baulichen Funktionsdifferenzierung war und ist die strenge Südorientierung der Gebäudezeilen ein typisches Merkmal dieser Siedlungen. Auf die Gründe dafür kommen wir weiter unten noch zu sprechen. Fakt ist, dass in China diesbezüglich die von der berühmten Charta von Athen, dem Manifest des modernen Städtebaus des CIAM (Congrès International d’Architecture Moderne) geforderte Südorientierung viel strenger umgesetzt wurde, als dies in Europa jemals geschah. Für Grünau, wie für alle vergleichbaren deutschen Großsiedlungen, haben die Planer sich städtebauliche Gestaltungsfreiheiten unter anderem dadurch verschafft, dass sie die Fronten ihrer Gebäudezeilen nicht nur nach Süden, sondern in erheblichem Umfang auch nach Westen oder Osten orientierten.
In Deutschland versteht sich die moderne Großsiedlung als Konkurrentin der traditionellen europäischen Stadt, als sozialistischer und etatistischer Gegenentwurf sowohl zur ‘liberalen Stadt’ (L. Benevolo) der Frühindustrialisierung mit ihren inhumanen, lichtlosen, unhygienischen und übervölkerten Mietskasernen als auch zur altbürgerlichen Stadt mit ihrer aus Markt, Kirche und Rathaus komponierten Zentralität, ihrer kleinteiligen Mischnutzung, ihrer parzellierten Blockrandrandbebauung und ihren mittels dekorierter Fassaden inszenierten öffentlichen Räumen. Dem entsprechend verzichtet die Großsiedlung auf Fassadenkult, trennt die Funktionen, ersetzt öffentliche Räume durch Abstandsgrün und fokussiert auf preiswerten, hellen und hygienischen Wohnraum.
Heute ist dieser Siedlungstyp in Deutschland und Europa weitestgehend Geschichte. Die Großsiedlungen existieren, doch stellen sie die Stadtplanung vor die gewaltige Herausforderung, deren sozialräumliches, funktionalistisches und kollektivistisches Konzept in die heterogene, hochgradig individualisierte und sozial fragmentierte postfordistische Gesellschaft zu integrieren.
Schauen wir auf das heutige China. Hier ist die Großsiedlung keine Stadtalternative. Sie ist, wie bereits oben angedeutet, der Grundbaustein der aktuellen Stadtentwicklung. Und noch etwas: Sie ist eine postfordistische, ja postmoderne Weiterentwicklung des funktionalistischen Städtebaus, in dessen Tradition sie mithin steht. Eine vergleichbare Weiterentwicklung lässt sich für Deutschland aufgrund fehlenden Bedarfs und von mangelnder Kompatibilität mit den vorherrschenden individualisierten Lebensentwürfen nicht nachweisen. Hier ist die Geschichte der sozialen Großsiedlung mit dem Verblassen egalitärer, fordistischer Leitbilder zunächst einmal beendet. In China hingegen findet die Geschichte der Großsiedlung eine spektakuläre Fortsetzung.
Die chinesische Großsiedlung wird seit der Öffnung Ende der 70er Jahre, und seit der damit einsetzenden Abkehr vom System der Danwei, als monofunktionale Nachbarschaft verwirklicht, gleichgültig, ob sie 4 Tsd, 10 Tsd oder 50 Tsd EW ein Zuhause bietet. Sie ist immer abgeschlossen, d.h. durch bewachte Tore, Mauern, Zäune und häufig durch Nahversorgungszeilen vom umgebenden Stadtraum abgetrennt. Man bezeichnet sie daher anglisierend gern auch als ‘compound’ (dt: ‘Verpackung’). Die Konsequenz ist, dass die Siedlung über ein eigenes, vom öffentlichen Straßenraum der Stadt abgetrenntes Erschließungssystem verfügt. Dass die Abtrennung nicht nur räumlicher, sondern auch politischer Natur ist, zeigt sich daran, dass die Nachbarschaften als unterste administrative Einheiten der städtischen Gebietskörperschaft fungieren, als MRD’s (‘Micro Residential Districts).
Die hoch aufragenden Zeilen- und Punktbauten ‘schwingen und tanzen’ in der Regel um einen landschaftsarchitektonisch gestalteten, durchgrünten, mit Aufenthaltsflächen, Kinderspielplätzen, Sitzgelegenheiten, Pavillons, Brunnen und Gewässern aller Art versehenen Innenbereich. Diesen sollte man als Nachbarschafts- bzw. Gemeinschaftshof bestimmen, da er als Teil des abgeriegelten Quartiers für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Der introvertierte Nachbarschaftshof steht vielmehr den Bewohnern der Nachbarschaft und ihren Gästen für Zwecke der Naherholung und Begegnung exklusiv zur Verfügung.
Die sozial und ökonomisch außerordentlich homogene Bewohnerschaft der Nachbarschaften nutzt Stil und Design der Architektur zur kollektiven Identitätsbildung. Dem entsprechend kennt die Siedlung nur eine architektonische Handschrift, einen durchgängigen Stil, z.B. ‘toskanischer Stil’, niederländischer, französischer oder deutscher Stil - was immer das sein mag. Verstärkt wird diese soziale Funktion der Architektur häufig noch durch unverwechselbare Dachaufbauten, Namensgebungen oder nächtliche Beleuchtungskonzepte für Anlagen und Gebäude. So zeigt beispielsweise eine nordchinesische Nachbarschaft namens “Vienna Forest Villa” 25-geschossige Zeilen und Punktbauten, die mit nachts beleuchteten Kuppelimitaten der europäischen Renaissance verziert sind.
Wie bereits erwähnt, sind die Gebäude nach Süden ausgerichtet. In Shanghai und vielen anderen Städten ist ein Abweichen von der Südorientierung sogar genehmigungspflichtig. Der Grund für diese strenge Praxis ist zunächst natürlich ein klimatischer. Im Norden ist die Wärme der tieferstehenden Südsonne in den Wohnungen hochwillkommen und in der Mitte Chinas verhindert die Südorientierung durch den steilen Einfallswinkel der Strahlen einer hoch stehenden Sonne das allzu starke Aufheizen der Wohnungen. Nur im subtropischen Süden Chinas lockert sich der städtebauliche Umgang mit der Südorientierung.
Der eigentliche Grund für die Strenge der Südorientierung ist jedoch in Geschichte und Tradition zu suchen. Gleiches gilt übrigens auch für die Praxis der Abriegelung der Nachbarschaften und für die Ausstattung der Compounds mit Nachbarschaftshöfen. Bereits im alten, kaiserzeitlichen China ist die Gesellschaft in geschlossenen Nachbarschaften organisiert. In diesen Quartieren (in Peking waren dies die sog. Hutongs) verfügt jede Familie über ein ebenfalls eingehegtes Anwesen (Siheyuan), dessen Gebäude so angeordnet sind, dass sie einen kleinen Innenhof formen. Das größte Gebäude ist den wichtigsten Mitgliedern der Familie zugewiesen, den Eltern bzw. Großeltern. Dieses Gebäude bildet den nördlichen Abschluss des Anwesens und öffnet sich nach Süden auf den Innenhof.
Diese Verknüpfung von sozialer und architektonischer Bedeutung in den alten Siedlungen  wird heute von der rasant wachsenden chinesischen Mittelschicht adaptiert und auf das Wohnen in den neuen Siedlungen projiziert. Wer auf sich hält, lebt daher in einer nach Süden ausgerichteten Wohnung in einer abgeriegelten Nachbarschaft mit Gemeinschaftshof. Da chinesische Familien ihre Wohnungen in der Regel nicht mieten, sondern kaufen, ist jeder Verkäufer - bei neuen Wohnquartieren sind dies meist große Projektentwickler - gut beraten, nach Süden ausgerichtete Gebäude anzubieten; denn Südorientierung ist mit sozialem Status verbunden und insofern ein ‘selling argument’. In Deutschland wurden Großsiedlungen demgegenüber als Mietobjekte mit dem Ziel der Bezahlbarkeit für einkommensschwache Schichten realisiert und auch heute werden die Wohnungen fast ausnahmslos vermietet. Obschon die Südorientierung aus klimatischen Gründen auch bei uns in Deutschland viel Sinn macht, etwa bei der Aufhellung und Aufwärmung von Innenräumen, der Nutzbarkeit von Balkonen und aktuell bei der Verwendbarkeit von Dächern für Solarmodule, wurde und wird sie hier bislang keineswegs so konsequent umgesetzt, wie dies in China geschieht.
In China wurde der fordistische Städtebau in eine neue Zeit geführt und für eine sich dynamisch verändernde Gesellschaft verfügbar gemacht. So hat man wichtige Prinzipien des modernen Bauens, wie beispielsweise die Vorfabrikation, die Serialität, das wirtschaftliche Konstruieren etc. beibehalten und diese Bauphilosophie zugleich postfordistischen Geschmacksurteilen und Lebensformen geöffnet. Dabei sind, trotz der Größenordnungen, der enormen Baudichte und Bauhöhen, attraktive, durchgrünte, verkehrsberuhigte, geschützte Stadträume entstanden, die eine Existenz selbst in Mega- und Hyperstädten lebbar machen.
Ganz im Gegensatz zu China kämpfen Großsiedlungen hierzulande an vielen Fronten um ihre Daseinsberechtigung. Vielerorts sind die Gebäude energie- und sanitärtechnisch veraltet, die Wohnflächen genügen häufig nicht den gehobenen Ansprüchen an Wohnraum. Es gibt Leerstände. Ursachen für den Mangel an Nachfrage sind neben den genannten Defiziten u.a. die Abwanderung junger Menschen aufgrund lokal fehlender Arbeitsplätze, demografische Entwicklungen, die sich in Geburtenmangel bzw. Sterbeüberschüssen manifestieren, Chancenlosigkeit in der Konkurrenz mit attraktiveren Wohnalternativen und gewiß auch ein weit verbreitetes Imageproblem, das durch die genannten Entwicklungen immer wieder Nahrung erhält. Großsiedlungen scheinen angesichts der genannten Probleme Vergangenheit zu sein.
Andererseits sind sie da und verlangen schon aus städtebaulichen und wirtschaftlichen Gründen nach baulichen Interventionen. Gewiß, es wurde und wird viel investiert, um die Lage der deutschen Großsiedlungen zu verbessern - durchaus mit Erfolg. Es wird saniert, renoviert, energetisch und gebäudetechnisch aufgewertet, Balkone werden appliziert, viele problematische Gebäude in prekären Lagen abgerissen, neue Einzelhandelsangebote appliziert, öffentliche Räume geschaffen und mit Annehmlichkeiten aller Art versehen und immer wieder werden neue Gebäude mit attraktiven Wohnraumgrößen und ansprechender Architektur in die Siedlungen implantiert, durchaus auch als Eigentumswohnungen mit dem Ziel der Verbesserung der sozialen Mischung und manches mehr. Um jedoch einen ziellos wankenden, auf bloßes Herumdoktern an Details reduzierten städtebaulichen Konkretismus zu vermeiden, ist die strategische Orientierung an einem übergeordneten Leitbild unabdingbar.
An diesem Punkt stellt sich für uns die Frage, was wir für die Zukunft der Plattenbausiedlungen von dem chinesischen Großsiedlungsbau lernen können. Im Versuch, diese Frage zu beantworten, stoßen wir auf einen fundamentalen soziokulturellen Sachverhalt: In der chinesischen Stadt von heute manifestiert sich eine städtebauliche Moderne, die viele Traditionen des chinesischen Städtebaus, die alten und die fordistischen, in sich aufnimmt, integriert und weiterträgt. Mauern und Tore, Gemeinschaftshöfe, Südausrichtung, Berücksichtigung von Regeln des ‘Feng Shui’ wo immer möglich, hat es bereits in frühen Zeiten dieser uralten Kultur gegeben - und es gibt sie immer noch. Sie werden mit den funktionalen und ästhetischen Merkmalen, Elementen und Formen des modernen Bauens zusammengebracht, mit ihnen verwoben und auf diese Weise mit ihnen vereint. Auf einen ‘reflexiven’, Tradition und Moderne miteinander versöhnenden Städtebau, wie er im Zentrum des postfordistischen Diskurses steht, kann China mithin verzichten: Diese ‘Reflexivität’, dieses ‘Vermischen’ und Vereinen von alt und neu, von Tradition und Moderne, existiert dort immer schon. Reflexiver Städtebau ist insofern selbst eine chinesische Tradition.
Die chinesische Botschaft für den Umgang mit den kriselnden europäischen Großsiedlungen kann daher nur lauten: es bedarf einer reflexiven Strategie, eines Konzeptes, das die Traditionen des europäischen Städtebaus mit den sozialen, baulichen und technischen Anliegen seiner Großsiedlungen auf eine zeitgemäße Weise zusammenbringt. Es geht also darum, dem Leitbild der europäischen Stadt endlich auch mit Blick auf die moderne Großsiedlung uneingeschränkt Geltung zu verschaffen.
Wir sagen ‘uneingeschränkt’, weil auch die moderne deutsche Großsiedlung des 20. Jh. in einigen Aspekten ‘europäisch’ war und ist. Dazu zählt, wie bereits erwähnt, ihre Offenheit und ihr unbekümmerter Umgang mit der Südorientierung. Auch der Versuch, so etwas wie Zentralität und öffentlichen Raum trotz der Herrschaft des Imperativs der Funktionsdifferenzierung zu verwirklichen, darf dazu gezählt werden. Andererseits blieb das übergreifende Ziel dieses Siedlungsbaus jedoch der ‘Ausstieg’ aus der Tradition der europäischen Stadt, die Verwirklichung eines Gegenmodells zu einer als überlebt erachteten europäischen Stadtgeschichte.
Was also bedeutet die Orientierung an dem Leitbild der ‘europäischen Stadt’? Es bedeutet, dass jenseits von bloßer Instandhaltung, energetischer Sanierung, sanitärer und wohnräumlicher Aufwertung zunächst der Verbesserung der Qualität öffentlicher Räume als Orten von Begegnung und Aufenthalt besondere Aufmerksamkeit gezollt wird. Diese Qualitätsverbesserung impliziert die städtebauliche Organisation von Zentralität durch Optimierung der Erreichbarkeit für alle. Sie impliziert darüber hinaus die Steigerung der symbolischen Bedeutung der räumlichen Mitte durch entsprechende gestalterische, auf Bildmächtigkeit zielende Maßnahmen. Zu diesen zählt nicht zuletzt eine für die Inszenierung von öffentlichem Raum erforderliche bauliche Verdichtung, um nicht zu sagen: Intimisierung.
Von vergleichbarer Bedeutung für eine reflexive Erneuerung der modernen Großsiedlung, wie die Aufwertung des öffentlichen Raums, ist die Verstärkung des für die Vielfalt und Mischung von Funktionen geeigneten Raumangebots. Die Forderung von mischgenutzten Räumen schließt diejenige nach sozialer Pluralisierung ein: Um Großsiedlungen attraktiver zu machen, ist eine soziale Hierarchisierung und Heterogenisierung des Wohnungsangebots im Sinne der Verfügbarkeit von Wohnraum für unterschiedliche soziale Schichten und für unterschiedliche Lebensstile unabdingbar. Der Schlüssel für alle Maßnahmen zur Aufwertung der in die Tage gekommenen Großsiedlungen ist mithin eine reflexive, zweite Modernisierung, deren übergeordnetes Leitbild die europäische Stadt ist, die Versöhnung von Tradition und Moderne im Medium des Städtebaus.

Übersicht: deutsche und chinesische Großsiedlungen im Vergleich
1.    offen
2.    schwache Südorientierung
3.    Teil des öffentlichen Verkehrsraums
4.    Abstandsgrün, öffentliche Parks und Plätze
5.    Wettbewerb zwischen Großsiedlung und Einfamilienhaus in der Peripherie
6.    Funktionsdifferenzierung vorrangig; Mischnutzung u. Zentralität schwach ausgebildet
7.    funktionalistisches Design mit universalistischem Anspruch
8.    Tendenz zu individualisierter (räumlicher) Identitätskonstruktion                   
9.    Bewohner ist in der Regel Mieter
1.    geschlossen
2.    strikte Südorientierung
3.    exklusives Erschließungssystem
4.    introvertierte Struktur (Gemeinschaftshöfe)
5.    Großsiedlung ‘alternativloser’ Wohnstandard
6.    Tendenz zur (kleinteiligen) Zonierung (z.B. Nahversorgungszeilen als Mauerersatz
7.    postmoderne Fortentwicklung der funktionalistischen Architektursprache
8.    Symbolisierung von Nachbar-schaftsidentität durch Architektur, Namensgebung, Dachskulpturen etc.
9.    Bewohner ist nahezu ausschließlich Wohnungseigentümer


Interview für China Time 08.2018 (vollständige Version)

 

1. Welche Rolle spielen die Urbanisierung und der Städtebau im heutigen China?

Wie überall auf der Welt ist der mit der Umschichtung der Bevölkerung vom Land in die Stadt verbundene Prozess der Urbanisierung ein Indikator für die Transformation einer agrarisch-ländlich charakterisierten in eine moderne, arbeitsteilig-industriell geprägte Gesellschaft. Überaus beeindruckend ist dabei die Geschwindigkeit, in welcher sich die Verstädterung in China vollzieht: So ist der Urbanisierungsgrad in den vergangenen 40 Jahren von unter 20% auf ca. 60% gestiegen und wird in kurzer Zeit die Sättigungsgrenze von ca. 80% erreichen. Eine solche Urbanisierungsdynamik ist in der Weltgeschichte zwar nicht gänzlich beispiellos, doch die Größenordnung, in denen sich die Verstädterung vollzieht, kennt kein Vorbild. So sind in den ersten 30 Jahren nach der Öffnung täglich durchschnittlich 35 Dörfer im Tsunami des Städtewachstums verschwunden oder, wie in Shenzhen, “urbanisiert” worden. Dazu wurden jährlich etwa 1,5% des fruchtbaren Ackerlandes überbaut. Inzwischen gibt weit über 100 Städte mit mehr als 1 Mio EW und 10 Megastädte, d.h. Städte mit über 10 Mio EW. Besonders dynamische Städte wie Shenzhen, Shanghai, jedoch auch Beijing oder Chongqing und andere sind phasenweise mit mehr als 250 Tsd EW p.a. gewachsen. Man kann sich kaum vorstellen, welche Herausforderungen für Stadtplanung und Städtebau mit diesem Wachstum verbunden sind.
Mein Eindruck ist, dass der Städtebau in China allgemein einen viel höheren gesellschaftlichen, öffentlichen und medialen Stellenwert besitzt, als dies etwa in Deutschland der Fall ist. Eine einzigartige Institution chinesischer Städte unterstreicht diese Behauptung in gebotener Deutlichkeit: Gemeint sind die in der Regel im Stadtzentrum platzieren Stadtgalerien, deren mit Abstand wichtigstes Ausstellungsstück immer ein physisches und durch Videoanimationen ergänztes, beleuchtetes und interaktives Modell der Stadt und ihrer zukünftigen Entwicklung ist. Da es diese repräsentativen, in der Hierarchie öffentlicher Gebäude sehr hoch angesiedelten Ausstellungsgebäude in nahezu jeder chinesischen Großstadt gibt, werden diese zu einem die chinesischen Städte verbindenden Symbol. Damit spielen sie heute eine Rolle, die derjenigen der Stadtmauern in der kaiserzeitlichen Vergangenheit nahe kommt. Während die Mauern die Gegenwart des Kaisers symbolisierten, stehen die Stadtgalerien für die Einheit des modernen China. Der Städtebau wird so zu einem Medium des neuen chinesischen Selbstbewusstseins.

2. Was ist der Urbane Code in China?

Den Begriff “urbaner Code” ordne ich der Stadtsemiotik zu, also der Wissenschaft von der Erforschung der Zeichenhaftigkeit des städtischen Raums und der Elemente, die diesen Raum konstituieren und charakterisieren. Es geht somit nicht um Zeichen im städtischen Raum, wie z.B. Verkehrsschilder, Reklamebotschaften, Graffiti, Hoheitszeichen usw., mit denen der städtisch Raum über- und durchzogen ist, sondern es geht um die Entschlüsselung jener sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Wirkkräfte, die der Produktion und Formierung der Stadt zugrunde liegen. Die urbane Semiotik ist insofern ein wissenschaftliches Werkzeug, um die in der Stadt verräumlichten soziokulturellen Botschaften zu decodieren. Die Stadt wird so zu einem “aufgeschlagenen Buch”, in dem man soziale, gesellschaftliche und kulturelle Botschaften lesen kann.
Besonders ausdrucksstarke Zeichen der chinesischen Stadt sind beispielsweise die geschlossenen Nachbarschaften, bzw. die Barrieren, die die Wohnsiedlungen vom offenen Stadtraum Trennen (Mauern, Zäune, Hecken, bewachte, mit Schranken, Rollgittern o.ä. ausgestattete Tore). Über 90% aller chinesischen Stadtbewohner wohnen in solchen “Compounds” (deutsch: eingehegte Anwesen). Weitere typische Zeichen sind die Bevorzugung der Südorientierung im Siedlungsbau (seit einiger Zeit verstärkt die Anwendung von Regeln des Feng Shui im Städtebau), serielle bzw. kollektive Architektursprachen im Wohnungsbau in horizontalen und vertikalen Formen, lineare, durch Achsen oder Korridore definierte Zentren, Mangel an öffentlichen Räumen u.v.m. Alle diese Raumzeichen verweisen nicht zuletzt auf eine Gesellschaft, in der Familie, Verwandtschaft und deren sozialen Surrogate einen deutlichen Vorrang haben vor dem (solipsistischen und isonomischen) Individuum. China, so demonstriert seine Stadtbaukultur, nimmt die Tradition mit in die Moderne. Das riesige Land ist damit in einer Weise “reflexiv”, d.h. auf die Balance von Geschichte und Gegenwart orientiert, wie dies im westlich-europäischen Städtebau kaum noch vorkommt, bzw. mühsam neu erlernt werden muss.

3. Warum entstehen Hyperstädte, was bedeutet diese Entwicklung für ein Land – und den Menschen?

Der Begriff der ‘Hyperstadt’ ist im wissenschaftlichen Diskurs bisher noch nicht abschließend geklärt und allgemeinverbindlich definiert. So kann man darunter sowohl Agglomerationen bzw. Stadt/Land-Kontinuen mit zahlreichen eigenständigen Gebietskörperschaften verstehen, als auch Agglomerationen, die zu einzelnen eigenständigen Gebietskörperschaften integriert werden. Ich persönlich neige zur zweiten Sichtweise und überlasse die beobachteten Stadt/Land-Kontinuen, die gelegentlich auch als Hyper- oder Metastadt bezeichnet werden, gern dem von Tom Sieverts geprägten Begriff der Zwischenstadt oder vergleichbaren, auf urbane Peripherien bezogene Termini (z.B. Metastadt). Ein empirischer Grund für die zweite Sichtweise ist in China zu finden: Seit einigen Jahren gibt es dort ernsthafte Debatten und politisch-planerische Initiativen, bereits existierende Agglomerationen - bekannt geworden sind vor allem die Metropolregionen “Jing-Jin-Xi” mit Beijing im Zentrum und deutlich über 100 Mio EW, das Pearl-River-Delta (PRD) und die Agglomeration am Jangtse-Delta - weiter zu entwickeln und administrativ zu konsolidieren. Hinzu kommen zunächst zwei weitere strategische Hyperstädte (zum einen die Region Wuhan, Changsha und Nanchang und zum anderen die Region Chongqing-Chengdu).
Wandelt man die Anfangsfrage dahingehend ab, weshalb gerade in den erwähnten drei Regionen Hyperstädte mit bis zu 150 Mio EW entstehen können, dann ergibt sich m.E. das folgende Bild. In JJX sind es zunächst die Hauptstadt Beijing, die hier lokalisierte gewaltige politische Machtkonzentration und das mit dieser verbundene symbolische Kapital, die zum entscheidenden “trigger” der hyperurbanen Entwicklung werden kann. Hinzu kommen die wirtschaftlich erfolgreich operierende Hafenstadt Tianjin, die wirtschaftlichen Effekte anspruchsvoller Bildungseinrichtungen in Beijing usw. All diese Einflussfaktoren sind in China natürlich immer vor dem Hintergrund der enormen Populationsgröße zu sehen. Im PRD sind es die liberalen Impulse, die vor allem von Hongkong und von der durch Deng initiierten Sonderwirtschaftszone Shenzhen ausgehen, verbunden mit einer hohen Produktivität und Innovationskraft. Diese befördern offenbar eine wirtschaftliche Performanz, die auf ganz China eine magnetische Anziehungskraft ausübt. Die Jangtse-Delta-Agglomeration schließlich ist ohne die facettenreiche Ausstrahlung und das enorme innovative, finanzielle und unternehmerische Potenzial der Weltstadt Shanghai nicht zu verstehen.
Die forcierte Entwicklung dieser gewaltigen urbanen und zugleich administrativ integrierten Städtecluster dient vor allen Dingen der verkehrstechnischen und logistischen Vernetzung der Mega- und Millionenstädte und diese urbane Integration wiederum nützt der landesweiten Allokation und Distribution von Wirtschaftskraft, öffentlicher und kultureller Infrastruktur und vor allem einer für China lebenswichtigen Differenzierung der wirtschaftlichen Sektoren, vor allem der Agrikultur einerseits und der industriellen und dienstleistungsbezogenen Sektoren andererseits. In gewisser Weise handelt es sich bei der Förderung von hyperurbanen Clustern um eine die Vertikalisierung im Siedlungsbau (und die damit verbundene Reduktion des Landschaftsverbrauchs) ergänzende stadtplanerische Maßnahme.

4. Was kann Hamburg von seiner Partnerstadt Shanghai lernen?

Shanghai ist eine Stadt, die nach den Sternen greift. Sie misst sich unmittelbar mit Städten wie New York, London, Singapur, Tokio, Los Angeles - und natürlich auch mit Beijing. Diesen Willen, in der Topliga der Weltstädte mitzuspielen, manifestiert und symbolisiert die Wirtschaftsmetropole durch die Wolkenkratzer von Lujiazhui. Shanghai verfügt über den begehrtesten Hukou in ganz China. Man glaubt an die Kraft des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts, organisiert Innovation und Exzellenz, indem mit attraktiven Gehältern und Lebensbedingungen der “braingain” junger Begabungen systematisch organisiert wird - auch mit städtebaulichen Mitteln, wie die Schaffung von kostengünstigen Appartmentsiedlungen zur Förderung junger Karrieren zeigt. Die Universitäten blicken selbst dort, wo sie deutsche Ursprünge haben (Tongji-University), zu den Eliteuniversitäten des angelsächsischen Sprachraums in England und den Vereinigten Staaten, zu Cambridge, Oxford, Harvard, MIT, Yale, Stanford usw.
Von Shanghai kann (und sollte) Hamburg lernen, schneller zu sein, besser, konkurrenzfähiger, neugieriger, ungeduldiger und ungenügsamer in der Verfolgung hoch gesteckter wirtschaftlicher Ziele. Ich sage dies, obwohl ich der Meinung bin, dass die Stadt Hamburg mit der Hafencity das mit Abstand beste Städtebauprojekt Deutschlands auf den Weg gebracht hat und immer noch bringt.
Ein Beispiel aus der Soziologie: Hamburg (Deutschland) kann von Shanghai (China) lernen, wie man erfolgreich mit dem Thema “soziale Mischung” planerisch umgeht. So bewirkt der serielle Siedlungsbau in geschlossenen Nachbarschaften die Bereitstellung von Wohnraum für jeweils weitgehend homogene Einkommensgruppen. Diese Form indirekter Organisation des städtischen Sozialgefüges in untere, mittlere und höhere Einkommensgruppen kommt einer entspannten sozialen Interaktion zugute. Möglichkeiten zur Begegnung der sozial unterschiedlich gestellten Gruppen und Personen bieten demgegenüber die offenen Funktionsräume der Verkehrs-, Einzelhandels- und öffentlichen Naherholungsflächen. In China bilden Segregation oder auch Zonierung einerseits und soziale Mischung bzw. Integration keinen Gegensatz. Anders in Deutschland, wo unter dem Imperativ sozialer Gerechtigkeit in der Raumplanung und mit öffentlichen Mitteln gestützt (sozialer Wohnungsbau) eine kleinteilige soziale Mischung angestrebt wird - mit sehr überschaubaren Erfolgen, wie Fehlbelegungen oder auch fortgesetzte Gentrifizierungsprozesse belegen. Die mit der Praxis kleinräumiger sozialer Mischung einhergehenden sozialen Spannungen kann es unter den chinesischen Bedingungen der homogenen Nachbarschaften nicht geben. Somit erweist sich China auch auf dem Gebiet der sozialen Integration als Meister des Ausgleichs oder besser: des Managements von sozialen Konflikten. In Deutschland könnten Städtebau und Stadtplanung von China insofern lernen, als von vornherein großräumiger für unterschiedliche Einkommensklassen geplant und gebaut wird - ohne dabei dem Modell der geschlossenen Nachbarschaften zu folgen. Da Segregation oder auch Gentrifizierung faktisch unvermeidliche sozialräumliche Prozesse sind, kommt es darauf an, sie planerisch so zu kontrollieren, dass sie zur Befriedung sozialer Spannungen beitragen können.

5. Ist die Städtebauentwicklung Chinas für uns Vorbild, Zukunft – oder Grauen?

Von wenigen Aspekten abgesehen kann die Urbanisierung Chinas für die Stadtentwicklung in Deutschland nicht Vorbild und auch keine Zukunft sein. Dazu sind die Gesellschaften und insbesondere die Kulturen beider Länder viel zu unterschiedlich. Auch die immer noch vielerorts anzutreffende schlechte Bau- und Materialqualität im Städtebau ist wenig nachahmenswert.
Dennoch lohnt es sich für deutsche Städtebauer und Stadtplaner, in China genau hinzuschauen. Ich denke da allererst an den für die Millionen-, Mega- und Hyperstädte “smarten” Stadtbaustein der geschlossenen Nachbarschaften mit ihrem vom Stadtraum abgetrennten internen Erschließungssystem. Dieses städtische Element ist nicht nur intelligent, da es, wie dargestellt, soziale Spannungen zu vermeiden vermag, sondern auch, weil es unter Bedingungen extrem hoher Siedlungsdichte konkurrenzfähige, teils hervorragende Wohnumfeld-Bedingungen gewährleistet und zudem logistische Vorteile mit sich bringt. Ich denke da beispielsweise an die mit Smartphone-Apps bedienbaren Pickpoints für Paketdienste an den Haupttoren, an die Nahversorgungszeilen, die nicht nur fußläufige Einkaufsmöglichkeiten bieten, sondern zugleich als ‘Mauerersatz’ funktionieren und gegen die Emissionen der Großstadt schützen.
Ich denke ferner an den unbekümmerten Umgang mit den stilistischen Freiheiten der Postmoderne - auch und gerade im Siedlungsbau, an die Geschwindigkeit, mit denen Großprojekte erfolgreich implementiert werden, an die vertikale und kompakte und insofern den Landverbrauch reduzierende, ressourcenschonende Stadtentwicklung. Vor allen Dingen  lässt sich in China lernen, dass hohe Dichte und hohe Qualität der Wohnumwelt kein Widerspruch sein müssen. In Deutschland herrscht vielerorts noch der Irrglaube, dass nur geringe Bebauungsdichte eine lebenswerte Wohnumwelt gewährleisten könne.

6. Was bedeutet die Urbanisierung für die Ökologie des Landes?

Das Besondere an der chinesischen Urbanisierung ist ja die Gleichzeitigkeit der Industrialisierungsregimes und damit zugleich der Epochen der Verstädterung: was in Europa sukzessive vonstatten ging, nämlich liberale (frühindustrielle), fordistische und postfordistische Stadtentwicklung, vollzieht sich in China gleichzeitig. In dieser Gleichzeitigkeit liegt ein Teil des Geheimnisses der unvergleichlichen Entwicklungsdynamik des Landes. Diese charakteristische Entwicklung hat zur Folge, dass die Probleme ungezügelter Frühindustrialisierung mit ihrem Übermaß an externen Effekten, an Emissionen, mangelhafter Nachbereitung von Abwassern, Abfällen, Rauch und Emissionen aller Art etc. sich massiv negativ in vorhandenen Ökosystemen bemerkbar machen. Viele wichtige Ökosysteme Chinas (Flüsse, Seen, Meeresküsten, ländliche Biotope aller Art) sind stark bedroht und teils auch schon kollabiert. Das Artensterben in Flora und Fauna ist hoch. Die extrem intensive Landwirtschaft trägt erheblich dazu bei, auch zur Kontaminierung des Grundwassers. Hinzu kommt die hohe Versiegelung von Böden in Städten und die in sehr vielen Millionenstädten zu beobachtende dramatische Unterdimensionierung der Abwassersysteme.
Doch die Gleichzeitigkeit der Verstädterungs- und Industrialisierungsregimes bedeutet eben auch, dass die materiellen, technischen und wissenschaftlichen Mittel bereits vorhanden sind, um die Probleme des industriellen “take-offs” zu lösen. Eine weitere gute Nachricht ist, dass China aufgrund seiner politisch-administrativen Strukturen und des Staatseigentums an Grund und Boden in der Lage ist, viele Umweltproblem ebenso schnell zu lösen, wie die Urbanisierung vonstatten ging - vorausgesetzt, sie lassen sich noch lösen.

7. Wie wird China die Welt und uns verändern?

Schöne Frage. Also mich hat China auf jeden Fall schon stark verändert. Das ist nicht nur persönlich gemeint, sondern vor allem auch fachlich: erst durch die intensive Erforschung der chinesischen Stadt und ihrer Entwicklung haben sich mir die sozialen und kulturellen Besonderheiten der deutschen bzw. europäischen Stadtentwicklung  in ihrer ganzen Breite und Tiefe erschlossen. Den chinesischen Städtebau erforschen zu dürfen war und ist für mich eine interkulturelle Win/Win-Situation.
China ist heute - wieder - eine Weltmacht und beeinflusst als solche den Rest der Welt auf vielfältige Weise: politisch, wirtschaftlich, kulturell. Handel und industrielle Kooperationen dehnen sich aus und greifen immer tiefer in die bilateralen und globalen Wirtschaftsbeziehungen, die chinesische Sprache wird immer wichtiger und dürfte in absehbarer Zeit zu den bedeutsamsten Fremdsprachen an deutschen Schulen gehören, die chinesische Medizin wird immer häufiger konsultiert, die Kontakte auf den Gebieten des Sports, der Musik, des Designs und der Medien wachsen usw. So ist China schon längst eine Quelle der Inspiration, ein Partner auf vielen Gebieten, eine Bereicherung unseres Lebens.
Zugleich ist das ‘Land der Mitte’ jedoch auch ein Konkurrent um geistige und materielle Ressourcen, eine Herausforderung an die kulturelle Identität Deutschlands als einer Republik in Europa. Schon längst hat der erfolgreiche Wiederaufstieg Chinas das selbstgefällige universalistische Selbstverständnis der Aufklärung, auf deren Errungenschaften wir uns allerdings zu Recht immer wieder berufen, mächtig ins Wanken gebracht. Denn das heutige China macht vorstellbar, dass es noch mindestens einen weiteren erfolgversprechenden Weg in die Moderne gibt als den europäisch-westlichen: den Weg eines von konfuzianischen Werten geleiteten, hierarchisch und kollektiv strukturierten, und zugleich Wissenschaft, Industrie und Marktwirtschaft fördernden Staatswesens.
China hat die Welt übrigens immer schon verändert. Man denke beispielsweise an den mittelalterlichen Technologietransfer via alte Seidenstraße, der in Europa dazu beitrug, dass nach dem Zerfall des weströmischen Imperiums sich unter günstigen klimatischen Randbedingungen eine völlig neue, einzigartige Stadtkultur entwickeln konnte (z.B. trugen Kummet und dreigliedriger Pflug zu jener Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft bei, die eine Surplusbevölkerung hervorbrachte, die in neuartigen Städten Erwerbsformen wie Handel und Handwerk zur Lebensgrundlage machten). Man denke auch an die vielfältigen Einflüsse chinesischer Philosophie auf das westliche (dialektische) Denken, auf das Porzellan, auf die Navigationstechnik von Schiffen und vieles mehr. Und die weitere historische und archäologische Forschung wird noch einiges ans Licht bringen, da bin ich mir sicher.

8. Gibt es im heutigen Qingdao Vergleichbares zu Hamburg?

An dieser Stelle zunächst nur so viel: Die einstige deutsche Kolonialstadt und Partnerstadt Regensburgs wird in Kürze zu den Megastädten Chinas mit mehr als 10 Mio EW aufschließen. Erheblichen Einfluss auf das Größenwachstum haben u.a. die gewaltigen Stadtentwicklungsaktivitäten in Huangdao südlich der Jiaozhou Wan. Erschlossen wird dieses Gebiet aus der Perspektive des Stadtzentrums durch die fast 27 km lange Jiaozhou Wan Brücke, die in der chinatypischen Rekordbauzeit von 4 Jahren fertiggestellt wurde. In Huangdao liegt nicht nur einer der größten Überseehäfen Chinas, sondern auch die Sino-German Eco City Qingdao. Beide, Hafen und Eco City, verbinden Qingdao mit Hamburg. Beim Hafen liegt dies auf der Hand, bei der Ökostadt handelt es sich um ein bilateral hoch angesiedeltes Projekt, dessen Masterplan aus dem Hamburger Architekturbüro von GMP stammt.
Ansonsten gilt für den Vergleich von Hamburg und Qingdao Ähnliches wie für denjenigen der Hansestadt mit der Partnerstadt Shanghai: Größenmäßig ist Qingdao Hamburg ebenfalls weit davongeeilt und auch hier herrscht eine Aufbruchstimmung, von der sich nicht nur die deutsche Stadt Hamburg eine Scheibe abschneiden kann. Der unternehmerische Geist Qingdaos manifestiert sich nicht zuletzt darin, dass hier Konzerne wie Hisense und Haier ihren Sitz haben.