Urban Solutions
Prof. Dr. Dieter Hassenpflug
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Interview für China Time 08.2018 (vollständige Version)

1. Welche Rolle spielen die Urbanisierung und der Städtebau im heutigen China?

Wie überall auf der Welt ist der mit der Umschichtung der Bevölkerung vom Land in die Stadt verbundene Prozess der Urbanisierung ein Indikator für die Transformation einer agrarisch-ländlich charakterisierten in eine moderne, arbeitsteilig-industriell geprägte Gesellschaft. Überaus beeindruckend ist dabei die Geschwindigkeit, in welcher sich die Verstädterung in China vollzieht: So ist der Urbanisierungsgrad in den vergangenen 40 Jahren von unter 20% auf ca. 60% gestiegen und wird in kurzer Zeit die Sättigungsgrenze von ca. 80% erreichen. Eine solche Urbanisierungsdynamik ist in der Weltgeschichte zwar nicht gänzlich beispiellos, doch die Größenordnung, in denen sich die Verstädterung vollzieht, kennt kein Vorbild. So sind in den ersten 30 Jahren nach der Öffnung täglich durchschnittlich 35 Dörfer im Tsunami des Städtewachstums verschwunden oder, wie in Shenzhen, “urbanisiert” worden. Dazu wurden jährlich etwa 1,5% des fruchtbaren Ackerlandes überbaut. Inzwischen gibt weit über 100 Städte mit mehr als 1 Mio EW und 10 Megastädte, d.h. Städte mit über 10 Mio EW. Besonders dynamische Städte wie Shenzhen, Shanghai, jedoch auch Beijing oder Chongqing und andere sind phasenweise mit mehr als 250 Tsd EW p.a. gewachsen. Man kann sich kaum vorstellen, welche Herausforderungen für Stadtplanung und Städtebau mit diesem Wachstum verbunden sind.
Mein Eindruck ist, dass der Städtebau in China allgemein einen viel höheren gesellschaftlichen, öffentlichen und medialen Stellenwert besitzt, als dies etwa in Deutschland der Fall ist. Eine einzigartige Institution chinesischer Städte unterstreicht diese Behauptung in gebotener Deutlichkeit: Gemeint sind die in der Regel im Stadtzentrum platzieren Stadtgalerien, deren mit Abstand wichtigstes Ausstellungsstück immer ein physisches und durch Videoanimationen ergänztes, beleuchtetes und interaktives Modell der Stadt und ihrer zukünftigen Entwicklung ist. Da es diese repräsentativen, in der Hierarchie öffentlicher Gebäude sehr hoch angesiedelten Ausstellungsgebäude in nahezu jeder chinesischen Großstadt gibt, werden diese zu einem die chinesischen Städte verbindenden Symbol. Damit spielen sie heute eine Rolle, die derjenigen der Stadtmauern in der kaiserzeitlichen Vergangenheit nahe kommt. Während die Mauern die Gegenwart des Kaisers symbolisierten, stehen die Stadtgalerien für die Einheit des modernen China. Der Städtebau wird so zu einem Medium des neuen chinesischen Selbstbewusstseins.

2. Was ist der Urbane Code in China?

Den Begriff “urbaner Code” ordne ich der Stadtsemiotik zu, also der Wissenschaft von der Erforschung der Zeichenhaftigkeit des städtischen Raums und der Elemente, die diesen Raum konstituieren und charakterisieren. Es geht somit nicht um Zeichen im städtischen Raum, wie z.B. Verkehrsschilder, Reklamebotschaften, Graffiti, Hoheitszeichen usw., mit denen der städtisch Raum über- und durchzogen ist, sondern es geht um die Entschlüsselung jener sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Wirkkräfte, die der Produktion und Formierung der Stadt zugrunde liegen. Die urbane Semiotik ist insofern ein wissenschaftliches Werkzeug, um die in der Stadt verräumlichten soziokulturellen Botschaften zu decodieren. Die Stadt wird so zu einem “aufgeschlagenen Buch”, in dem man soziale, gesellschaftliche und kulturelle Botschaften lesen kann.
Besonders ausdrucksstarke Zeichen der chinesischen Stadt sind beispielsweise die geschlossenen Nachbarschaften, bzw. die Barrieren, die die Wohnsiedlungen vom offenen Stadtraum Trennen (Mauern, Zäune, Hecken, bewachte, mit Schranken, Rollgittern o.ä. ausgestattete Tore). Über 90% aller chinesischen Stadtbewohner wohnen in solchen “Compounds” (deutsch: eingehegte Anwesen). Weitere typische Zeichen sind die Bevorzugung der Südorientierung im Siedlungsbau (seit einiger Zeit verstärkt die Anwendung von Regeln des Feng Shui im Städtebau), serielle bzw. kollektive Architektursprachen im Wohnungsbau in horizontalen und vertikalen Formen, lineare, durch Achsen oder Korridore definierte Zentren, Mangel an öffentlichen Räumen u.v.m. Alle diese Raumzeichen verweisen nicht zuletzt auf eine Gesellschaft, in der Familie, Verwandtschaft und deren sozialen Surrogate einen deutlichen Vorrang haben vor dem (solipsistischen und isonomischen) Individuum. China, so demonstriert seine Stadtbaukultur, nimmt die Tradition mit in die Moderne. Das riesige Land ist damit in einer Weise “reflexiv”, d.h. auf die Balance von Geschichte und Gegenwart orientiert, wie dies im westlich-europäischen Städtebau kaum noch vorkommt, bzw. mühsam neu erlernt werden muss.

3. Warum entstehen Hyperstädte, was bedeutet diese Entwicklung für ein Land – und den Menschen?

Der Begriff der ‘Hyperstadt’ ist im wissenschaftlichen Diskurs bisher noch nicht abschließend geklärt und allgemeinverbindlich definiert. So kann man darunter sowohl Agglomerationen bzw. Stadt/Land-Kontinuen mit zahlreichen eigenständigen Gebietskörperschaften verstehen, als auch Agglomerationen, die zu einzelnen eigenständigen Gebietskörperschaften integriert werden. Ich persönlich neige zur zweiten Sichtweise und überlasse die beobachteten Stadt/Land-Kontinuen, die gelegentlich auch als Hyper- oder Metastadt bezeichnet werden, gern dem von Tom Sieverts geprägten Begriff der Zwischenstadt oder vergleichbaren, auf urbane Peripherien bezogene Termini (z.B. Metastadt). Ein empirischer Grund für die zweite Sichtweise ist in China zu finden: Seit einigen Jahren gibt es dort ernsthafte Debatten und politisch-planerische Initiativen, bereits existierende Agglomerationen - bekannt geworden sind vor allem die Metropolregionen “Jing-Jin-Xi” mit Beijing im Zentrum und deutlich über 100 Mio EW, das Pearl-River-Delta (PRD) und die Agglomeration am Jangtse-Delta - weiter zu entwickeln und administrativ zu konsolidieren. Hinzu kommen zunächst zwei weitere strategische Hyperstädte (zum einen die Region Wuhan, Changsha und Nanchang und zum anderen die Region Chongqing-Chengdu).
Wandelt man die Anfangsfrage dahingehend ab, weshalb gerade in den erwähnten drei Regionen Hyperstädte mit bis zu 150 Mio EW entstehen können, dann ergibt sich m.E. das folgende Bild. In JJX sind es zunächst die Hauptstadt Beijing, die hier lokalisierte gewaltige politische Machtkonzentration und das mit dieser verbundene symbolische Kapital, die zum entscheidenden “trigger” der hyperurbanen Entwicklung werden kann. Hinzu kommen die wirtschaftlich erfolgreich operierende Hafenstadt Tianjin, die wirtschaftlichen Effekte anspruchsvoller Bildungseinrichtungen in Beijing usw. All diese Einflussfaktoren sind in China natürlich immer vor dem Hintergrund der enormen Populationsgröße zu sehen. Im PRD sind es die liberalen Impulse, die vor allem von Hongkong und von der durch Deng initiierten Sonderwirtschaftszone Shenzhen ausgehen, verbunden mit einer hohen Produktivität und Innovationskraft. Diese befördern offenbar eine wirtschaftliche Performanz, die auf ganz China eine magnetische Anziehungskraft ausübt. Die Jangtse-Delta-Agglomeration schließlich ist ohne die facettenreiche Ausstrahlung und das enorme innovative, finanzielle und unternehmerische Potenzial der Weltstadt Shanghai nicht zu verstehen.
Die forcierte Entwicklung dieser gewaltigen urbanen und zugleich administrativ integrierten Städtecluster dient vor allen Dingen der verkehrstechnischen und logistischen Vernetzung der Mega- und Millionenstädte und diese urbane Integration wiederum nützt der landesweiten Allokation und Distribution von Wirtschaftskraft, öffentlicher und kultureller Infrastruktur und vor allem einer für China lebenswichtigen Differenzierung der wirtschaftlichen Sektoren, vor allem der Agrikultur einerseits und der industriellen und dienstleistungsbezogenen Sektoren andererseits. In gewisser Weise handelt es sich bei der Förderung von hyperurbanen Clustern um eine die Vertikalisierung im Siedlungsbau (und die damit verbundene Reduktion des Landschaftsverbrauchs) ergänzende stadtplanerische Maßnahme.

4. Was kann Hamburg von seiner Partnerstadt Shanghai lernen?

Shanghai ist eine Stadt, die nach den Sternen greift. Sie misst sich unmittelbar mit Städten wie New York, London, Singapur, Tokio, Los Angeles - und natürlich auch mit Beijing. Diesen Willen, in der Topliga der Weltstädte mitzuspielen, manifestiert und symbolisiert die Wirtschaftsmetropole durch die Wolkenkratzer von Lujiazhui. Shanghai verfügt über den begehrtesten Hukou in ganz China. Man glaubt an die Kraft des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts, organisiert Innovation und Exzellenz, indem mit attraktiven Gehältern und Lebensbedingungen der “braingain” junger Begabungen systematisch organisiert wird - auch mit städtebaulichen Mitteln, wie die Schaffung von kostengünstigen Appartmentsiedlungen zur Förderung junger Karrieren zeigt. Die Universitäten blicken selbst dort, wo sie deutsche Ursprünge haben (Tongji-University), zu den Eliteuniversitäten des angelsächsischen Sprachraums in England und den Vereinigten Staaten, zu Cambridge, Oxford, Harvard, MIT, Yale, Stanford usw.
Von Shanghai kann (und sollte) Hamburg lernen, schneller zu sein, besser, konkurrenzfähiger, neugieriger, ungeduldiger und ungenügsamer in der Verfolgung hoch gesteckter wirtschaftlicher Ziele. Ich sage dies, obwohl ich der Meinung bin, dass die Stadt Hamburg mit der Hafencity das mit Abstand beste Städtebauprojekt Deutschlands auf den Weg gebracht hat und immer noch bringt.
Ein Beispiel aus der Soziologie: Hamburg (Deutschland) kann von Shanghai (China) lernen, wie man erfolgreich mit dem Thema “soziale Mischung” planerisch umgeht. So bewirkt der serielle Siedlungsbau in geschlossenen Nachbarschaften die Bereitstellung von Wohnraum für jeweils weitgehend homogene Einkommensgruppen. Diese Form indirekter Organisation des städtischen Sozialgefüges in untere, mittlere und höhere Einkommensgruppen kommt einer entspannten sozialen Interaktion zugute. Möglichkeiten zur Begegnung der sozial unterschiedlich gestellten Gruppen und Personen bieten demgegenüber die offenen Funktionsräume der Verkehrs-, Einzelhandels- und öffentlichen Naherholungsflächen. In China bilden Segregation oder auch Zonierung einerseits und soziale Mischung bzw. Integration keinen Gegensatz. Anders in Deutschland, wo unter dem Imperativ sozialer Gerechtigkeit in der Raumplanung und mit öffentlichen Mitteln gestützt (sozialer Wohnungsbau) eine kleinteilige soziale Mischung angestrebt wird - mit sehr überschaubaren Erfolgen, wie Fehlbelegungen oder auch fortgesetzte Gentrifizierungsprozesse belegen. Die mit der Praxis kleinräumiger sozialer Mischung einhergehenden sozialen Spannungen kann es unter den chinesischen Bedingungen der homogenen Nachbarschaften nicht geben. Somit erweist sich China auch auf dem Gebiet der sozialen Integration als Meister des Ausgleichs oder besser: des Managements von sozialen Konflikten. In Deutschland könnten Städtebau und Stadtplanung von China insofern lernen, als von vornherein großräumiger für unterschiedliche Einkommensklassen geplant und gebaut wird - ohne dabei dem Modell der geschlossenen Nachbarschaften zu folgen. Da Segregation oder auch Gentrifizierung faktisch unvermeidliche sozialräumliche Prozesse sind, kommt es darauf an, sie planerisch so zu kontrollieren, dass sie zur Befriedung sozialer Spannungen beitragen können.

5. Ist die Städtebauentwicklung Chinas für uns Vorbild, Zukunft – oder Grauen?

Von wenigen Aspekten abgesehen kann die Urbanisierung Chinas für die Stadtentwicklung in Deutschland nicht Vorbild und auch keine Zukunft sein. Dazu sind die Gesellschaften und insbesondere die Kulturen beider Länder viel zu unterschiedlich. Auch die immer noch vielerorts anzutreffende schlechte Bau- und Materialqualität im Städtebau ist wenig nachahmenswert.
Dennoch lohnt es sich für deutsche Städtebauer und Stadtplaner, in China genau hinzuschauen. Ich denke da allererst an den für die Millionen-, Mega- und Hyperstädte “smarten” Stadtbaustein der geschlossenen Nachbarschaften mit ihrem vom Stadtraum abgetrennten internen Erschließungssystem. Dieses städtische Element ist nicht nur intelligent, da es, wie dargestellt, soziale Spannungen zu vermeiden vermag, sondern auch, weil es unter Bedingungen extrem hoher Siedlungsdichte konkurrenzfähige, teils hervorragende Wohnumfeld-Bedingungen gewährleistet und zudem logistische Vorteile mit sich bringt. Ich denke da beispielsweise an die mit Smartphone-Apps bedienbaren Pickpoints für Paketdienste an den Haupttoren, an die Nahversorgungszeilen, die nicht nur fußläufige Einkaufsmöglichkeiten bieten, sondern zugleich als ‘Mauerersatz’ funktionieren und gegen die Emissionen der Großstadt schützen.
Ich denke ferner an den unbekümmerten Umgang mit den stilistischen Freiheiten der Postmoderne - auch und gerade im Siedlungsbau, an die Geschwindigkeit, mit denen Großprojekte erfolgreich implementiert werden, an die vertikale und kompakte und insofern den Landverbrauch reduzierende, ressourcenschonende Stadtentwicklung. Vor allen Dingen  lässt sich in China lernen, dass hohe Dichte und hohe Qualität der Wohnumwelt kein Widerspruch sein müssen. In Deutschland herrscht vielerorts noch der Irrglaube, dass nur geringe Bebauungsdichte eine lebenswerte Wohnumwelt gewährleisten könne.

6. Was bedeutet die Urbanisierung für die Ökologie des Landes?

Das Besondere an der chinesischen Urbanisierung ist ja die Gleichzeitigkeit der Industrialisierungsregimes und damit zugleich der Epochen der Verstädterung: was in Europa sukzessive vonstatten ging, nämlich liberale (frühindustrielle), fordistische und postfordistische Stadtentwicklung, vollzieht sich in China gleichzeitig. In dieser Gleichzeitigkeit liegt ein Teil des Geheimnisses der unvergleichlichen Entwicklungsdynamik des Landes. Diese charakteristische Entwicklung hat zur Folge, dass die Probleme ungezügelter Frühindustrialisierung mit ihrem Übermaß an externen Effekten, an Emissionen, mangelhafter Nachbereitung von Abwassern, Abfällen, Rauch und Emissionen aller Art etc. sich massiv negativ in vorhandenen Ökosystemen bemerkbar machen. Viele wichtige Ökosysteme Chinas (Flüsse, Seen, Meeresküsten, ländliche Biotope aller Art) sind stark bedroht und teils auch schon kollabiert. Das Artensterben in Flora und Fauna ist hoch. Die extrem intensive Landwirtschaft trägt erheblich dazu bei, auch zur Kontaminierung des Grundwassers. Hinzu kommt die hohe Versiegelung von Böden in Städten und die in sehr vielen Millionenstädten zu beobachtende dramatische Unterdimensionierung der Abwassersysteme.
Doch die Gleichzeitigkeit der Verstädterungs- und Industrialisierungsregimes bedeutet eben auch, dass die materiellen, technischen und wissenschaftlichen Mittel bereits vorhanden sind, um die Probleme des industriellen “take-offs” zu lösen. Eine weitere gute Nachricht ist, dass China aufgrund seiner politisch-administrativen Strukturen und des Staatseigentums an Grund und Boden in der Lage ist, viele Umweltproblem ebenso schnell zu lösen, wie die Urbanisierung vonstatten ging - vorausgesetzt, sie lassen sich noch lösen.

7. Wie wird China die Welt und uns verändern?

Schöne Frage. Also mich hat China auf jeden Fall schon stark verändert. Das ist nicht nur persönlich gemeint, sondern vor allem auch fachlich: erst durch die intensive Erforschung der chinesischen Stadt und ihrer Entwicklung haben sich mir die sozialen und kulturellen Besonderheiten der deutschen bzw. europäischen Stadtentwicklung  in ihrer ganzen Breite und Tiefe erschlossen. Den chinesischen Städtebau erforschen zu dürfen war und ist für mich eine interkulturelle Win/Win-Situation.
China ist heute - wieder - eine Weltmacht und beeinflusst als solche den Rest der Welt auf vielfältige Weise: politisch, wirtschaftlich, kulturell. Handel und industrielle Kooperationen dehnen sich aus und greifen immer tiefer in die bilateralen und globalen Wirtschaftsbeziehungen, die chinesische Sprache wird immer wichtiger und dürfte in absehbarer Zeit zu den bedeutsamsten Fremdsprachen an deutschen Schulen gehören, die chinesische Medizin wird immer häufiger konsultiert, die Kontakte auf den Gebieten des Sports, der Musik, des Designs und der Medien wachsen usw. So ist China schon längst eine Quelle der Inspiration, ein Partner auf vielen Gebieten, eine Bereicherung unseres Lebens.
Zugleich ist das ‘Land der Mitte’ jedoch auch ein Konkurrent um geistige und materielle Ressourcen, eine Herausforderung an die kulturelle Identität Deutschlands als einer Republik in Europa. Schon längst hat der erfolgreiche Wiederaufstieg Chinas das selbstgefällige universalistische Selbstverständnis der Aufklärung, auf deren Errungenschaften wir uns allerdings zu Recht immer wieder berufen, mächtig ins Wanken gebracht. Denn das heutige China macht vorstellbar, dass es noch mindestens einen weiteren erfolgversprechenden Weg in die Moderne gibt als den europäisch-westlichen: den Weg eines von konfuzianischen Werten geleiteten, hierarchisch und kollektiv strukturierten, und zugleich Wissenschaft, Industrie und Marktwirtschaft fördernden Staatswesens.
China hat die Welt übrigens immer schon verändert. Man denke beispielsweise an den mittelalterlichen Technologietransfer via alte Seidenstraße, der in Europa dazu beitrug, dass nach dem Zerfall des weströmischen Imperiums sich unter günstigen klimatischen Randbedingungen eine völlig neue, einzigartige Stadtkultur entwickeln konnte (z.B. trugen Kummet und dreigliedriger Pflug zu jener Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft bei, die eine Surplusbevölkerung hervorbrachte, die in neuartigen Städten Erwerbsformen wie Handel und Handwerk zur Lebensgrundlage machten). Man denke auch an die vielfältigen Einflüsse chinesischer Philosophie auf das westliche (dialektische) Denken, auf das Porzellan, auf die Navigationstechnik von Schiffen und vieles mehr. Und die weitere historische und archäologische Forschung wird noch einiges ans Licht bringen, da bin ich mir sicher.

8. Gibt es im heutigen Qingdao Vergleichbares zu Hamburg?

An dieser Stelle zunächst nur so viel: Die einstige deutsche Kolonialstadt und Partnerstadt Regensburgs wird in Kürze zu den Megastädten Chinas mit mehr als 10 Mio EW aufschließen. Erheblichen Einfluss auf das Größenwachstum haben u.a. die gewaltigen Stadtentwicklungsaktivitäten in Huangdao südlich der Jiaozhou Wan. Erschlossen wird dieses Gebiet aus der Perspektive des Stadtzentrums durch die fast 27 km lange Jiaozhou Wan Brücke, die in der chinatypischen Rekordbauzeit von 4 Jahren fertiggestellt wurde. In Huangdao liegt nicht nur einer der größten Überseehäfen Chinas, sondern auch die Sino-German Eco City Qingdao. Beide, Hafen und Eco City, verbinden Qingdao mit Hamburg. Beim Hafen liegt dies auf der Hand, bei der Ökostadt handelt es sich um ein bilateral hoch angesiedeltes Projekt, dessen Masterplan aus dem Hamburger Architekturbüro von GMP stammt.
Ansonsten gilt für den Vergleich von Hamburg und Qingdao Ähnliches wie für denjenigen der Hansestadt mit der Partnerstadt Shanghai: Größenmäßig ist Qingdao Hamburg ebenfalls weit davongeeilt und auch hier herrscht eine Aufbruchstimmung, von der sich nicht nur die deutsche Stadt Hamburg eine Scheibe abschneiden kann. Der unternehmerische Geist Qingdaos manifestiert sich nicht zuletzt darin, dass hier Konzerne wie Hisense und Haier ihren Sitz haben.

 

 

Grundlagen einer Semiotik der Stadt

 

1. Vorbemerkung

Eine Semiotik der Stadt, die diesen Namen wirklich verdient, existiert m.E. bisher nicht. Ein möglicher Grund für das Desiderat ist, dass viele Beiträge zu einer Stadtsemiotik oder auch zur Semiotik der Architektur, des Städtebaus, der Kunst oder, ganz allgemein, der Artefakte aus der Feder von Sprachforschern, Philologen und Linguisten stammen. Hier sind diese Beiträge dann in der Regel Teil einer allgemeinen, über Sprache und Schrift hinausgehenden Zeichentheorie. Demgegenüber ist das Interesse der Architektur- und Städtebautheorie an der Semiotik meist wenig mehr als bloß fakultativ. Man begnügt sich damit, die Ausführungen von Klassikern aus der Sprachwissenschaft ins Curriculum aufzunehmen.
Als Konsequenz aus dieser Situation stelle ich im folgenden alle für mich greifbaren Überlegungen zu einer stadtraumbezogenen Semiotik in knapper Form zusammen, versuche, diese miteinander zu verbinden und durch eigene Überlegungen zu ergänzen. Ziel ist es, die Konturen einer in sich schlüssigen und empirisch gehaltvollen Stadtsemiotik sichtbar zu machen. Eine aus fachlicher Sicht vollständige Stadtsemiotik ist dies noch nicht. Doch sollten damit, so der Anspruch, die Fundamente einer solchen gelegt sein.
Es dürfte Konsens sein, dass Städte komplexe Zeichen bzw. Systeme von Zeichen sind. Als räumliche Texte lassen sie sich lesen. Sie verfügen über eine “Grammatik” und einen “Sinn”. Dies gilt für einzelne Städte, die uns ihre Geschichte und ihren kulturellen, gesellschaftlichen, funktionalen und ästhetischen Status mitteilen. Dies gilt jedoch auch für Stadttypen, für kulturbedingte Gattungen oder Familien von Städten. Indem wir Städte ‘lesen’ bzw. ‘dekodieren’, können wir etwas über die Kultur und die Gesellschaft erfahren, die in ihnen verräumlicht sind.

2. Urbane Soziosemiotik

Es gibt eine soziologische Semiotik der Stadt. Ein Name taucht in diesem Zusammenhang häufiger auf: Mark Gottdiener. Anknüpfend an die Theorie des Stadt/Land-Kontinuums bei Henri Lefèbvre (und der Theorie des sozialen Raums bei Louis Wirth), steht die Erforschung der räumlichen Ausdrucksformen gesellschaftlicher Zustände und Konflikte im Zentrum seiner urbanen Soziosemiotik. So versucht er beispielsweise den ökonomistisch eingeschränkten Begriff wirtschaftlicher Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft um denjenigen der räumlichen Exploitation zu erweitern. Der urbane Raum wird so als Austragungsort und Verräumlichung des Klassenkampfes zwischen Kapital und Arbeit entziffert. Eine wichtige Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Zeichen der Arbeit, des Überflusses, der Herrschaft, Unterdrückung, Ausgrenzung, Verwahrlosung, Angst, aber auch konsumistischer Verführung usw.
Für mich spielen diese Aspekte verräumlichter gesellschaftlicher Verhältnisse, von Segregation, Ungleichheit, Dominanz, Konkurrenz, Distinktion oder Manipulation eine wichtige, jedoch insgesamt eher nachgeordnete Rolle. Der Grund dafür ist, dass soziale Sachverhalte von kulturellen Gegebenheiten übergriffen werden. Letztere tauchen Erstere in ein besonderes Licht: sie beeinflussen die Bedeutung sozial und gesellschaftlich bedingter Zeichen.

3. Projektion

Bekanntlich neigen wir dazu, nur das zu erkennen bzw. zu begreifen, was uns schon bekannt ist. Man bezeichnet diesen Aspekt des Wahrnehmens in der Psychologie als Projektion. Dabei wird in das Gegenüber etwas hineingedeutet, was diesem Gegenüber gar nicht entspricht. Auf diese Weise kann eine adäquate Erfassung desselben be- oder gar verhindert werden. Die Gefahr projektiv verursachter Fehldeutungen ist insbesondere dann besonders groß, wenn es um die Betrachtung kulturell fremder Gegenstände und Kontexte geht.
Ein typisches Ergebnis einer durch gedankenlose und uninformierte Projektionen eingetrübten Wahrnehmung offenbart beispielsweise die Rede von der Verwestlichung der chinesischen Stadt. Man sieht moderne Wohngebäude, Wolkenkratzer in Innenstädten, spektakuläre Einkaufszentren im Design der Erben von Victor Gruen, Fast-Food-Restaurants amerikanischer Herkunft, vielstreifige Straßen voller Autos aus Europa und Amerika - und glaubt am Ende tatsächlich, die Resultate einer Anpassung an den westlichen Städtebau vor sich zu haben.
Zu den größten Vorteilen der auf die Zeichenhaftigkeit der Dinge fokussierenden semiotischen Stadtforschung gehört es m.E., dass sie hilft, Projektionen bei der Erforschung fremder Gesellschaften und Kulturen zu vermeiden und auf diese Weise Unterschiede deutlicher wahrzunehmen. Sie ist eines der mächtigsten Werkzeuge zur Schärfung unserer interkulturellen Wahrnehmung und trägt auf diese Weise zur Entwicklung unserer interkulturellen Kompetenz bei.



4. Stadt als Ideogramm

Roland Barthes erblickt in Städten eine bestimmte Form komplexer Zeichen, eine Art von Ideogrammen. Als solche verfügen Städte immer über ein Zentrum, einen Ort, der vor allem der Begegnung von Menschen gleicher und verschiedener Herkunft dient. Können Städte kein lesbares Zentrum anbieten, wie z.B. rein orthogonal strukturierte amerikanische Städte bzw. Teilstädte oder auch suburbane, periphere Siedlungen, dann könne es sich im Verständnis der Semiotik nicht um Städte handeln. Denn diese Siedlungsformen würden unsere kulturell geprägten ästhetischen Erfahrungen und Erwartungen verletzen. Als ästhetisches Raumphänomen verfügen Städte Barthes zufolge immer über ein Zentrum - selbst dann, wenn es sich wie im Falle Tokios um ein ‘leeres’ (geistiges) Zentrum handelt.
In der überragenden Bedeutung, die Barthes dem Zentrum für die Bestimmung des Begriffes der Stadt einräumt, berührt seine Stadtsemiotik die Position des großen Soziologen Georg Simmel, der Stadt als “Anwesenheit des Anderen und Fremden” und damit als genuin bürgerliches Projekt bestimmte; denn schließlich würden die Begriffe des Anderen und Fremden allererst auf den Händler verweisen. Simmel erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass in der deutschen Sprache die Worte “der Händler” und “der Fremde” bis zur Mitte des 19. Jh. Synonyme waren. Erst im zeitlichen Umfeld der Märzrevolution sei eine Umcodierung erfolgt, nach der die Bedeutungen sich voneinander entfernten und schließlich trennten. Aus dem Händler wurde ein Berufsakteur und aus dem Fremden ein Mensch anderer Ethnie und/oder Nationalität.
Mit der Bestimmung von Stadt als Ideogramm will Barthes verdeutlichen, dass Stadt, einem ideografischen, d.h. auf einen Begriff verweisenden Zeichen vergleichbar, immer eine komplexe Botschaft enthält. In bildlicher Hinsicht verbinden sich mit dem Begriff der Stadt auch piktografisch darstellbare Zeichen. Hier ein paar Stadt-Piktogramme, von denen das erste offenbar auf die Stadt Leipzig verweist.

 

5. Zeichen

Charles Sanders Pierce unterscheidet drei Arten von objektbezogenen Zeichen:
●    indikative
●    ikonische und
●    symbolische Zeichen.
Aus der Sicht der Stadtsemiotik kommt es keineswegs selten vor, dass die genannten Zeichentypen einander überlagern bzw. in assemblierter Form vorkommen.
Als Beispiel für eine Assemblage nehmen wir eine Straßensperre. Dabei lässt sich die gestreifte Sperre als symbolisches Zeichen deuten, das Schild für Bauarbeiten als ikonisches Zeichen und der Umleitungshinweis mitsamt Zugangsberechtigung für Baufahrzeuge als indikatives Zeichen.
Demgegenüber zeigt das Wärterhäuschen einer chinesischen Nachbarschaft den Fall einer Überlagerung objektbezogener Zeichen. Es ist
●    symbolisch, weil es nicht konsequent abriegelt
●    ikonisch, weil es Farben und Typografie der Planstadt verwendet
●    indikativ, weil es darauf hinweist, dass es sich um die Neustadt ‘Anting’ handelt.

 

6. Signifikanten und Signifikate

In semiotischer Perspektive wird Stadt auch als Referent (Beobachtungsgegenstand) bestimmt, als ein System elementarer urbaner Signifikanten. Diese Signifikanten senden Botschaften aus. Sie lassen sich daher auch als “Sender” bezeichnen. Die gesendeten Botschaften werden von den Beobachtern empfangen. Sie werden dadurch zu Signifikaten. Dazu das Beispiel der Verwaltungsgebäude in Brasilia.
Nun ist es jedoch so, dass einerseits unablässig Botschaften emittiert werden  (die städtischen Signifikanten sind insofern Stationen vergleichbar, die ständig auf Sendung, “on air”, sind), andererseits müssen die Signale auch empfangen - und das bedeutet hier: verstanden - werden. Um verstanden zu werden, muss der Empfänger einen wesentlichen Beitrag leisten. Er muss die Signale entschlüsseln. Dazu muss er sich an der Erzeugung des Sinns der Botschaft beteiligen. Diese konstruktive Aufgabe des Empfängers verweist auf den zentralen Begriff der Semiose.
Als Semiose bezeichnen wir den Vorgang des Zusammenspiels von Botschaften aussendenden Signifikanten einerseits und der sinnstiftenden Praxis des Beobachters. Das Resultat dieses Zusammenspiels ist das Signifikat.
Das Signifikat ist somit zugleich Produkt objektiver Botschaft und subjektiver Bedeutungszuweisung. Semiose ist insofern eine Art praktizierter Hermeneutik. Anders ausgedrückt: Wahrgenommene Zeichen (Signifikate) sind das Ergebnis der Interaktion von Signifikant und Beobachter. Im Umkehrschluss bedeutet dies auch, dass das Signifikat zum Bestandteil des Signifikanten wird. In der Erfassung und Beschreibung eines Signifikanten geht das Signifikat immer schon ein. So steht Semiose nicht nur für die Generierung einer Bedeutung, sondern zugleich für die Erzeugung des Signifikanten, der dadurch von einem An-Sich zu einem Für-Uns transformiert wird, zu einer subjektiv produzierten Wirklichkeit.
Die Dekodierung eines Signifikanten durch den Empfänger der Signale, durch einen Nutzer oder Beobachter, verweist auf die Rolle der Abduktion, d.h. der erklärenden Hypothese im Prozess der objektiven und subjektiven Sinnzuweisung.
Der Begriff ‘Abduktion’ geht auf Pierce zurück. Abduktion steht ihm zufolge am Anfang eines Schlussverfahrens, das auf die Erweiterung unseres Wissens zielt, auf Innovation. Es folgen Deduktion (konkretisierend = Schluss vom Allgemeinen auf das Besondere) und Induktion (verallgemeinernd = Schluss vom Besonderen auf das Allgemeine). Die beiden letzteren Schlussverfahren dienen der Bestätigung der status quo des Wissens.
In der Semiotik wird mittels Abduktion einem Signifikanten ein Signifikat zugeordnet, also eine distinkte Deutung. Diese Deutung lässt sich mittels Deduktion verallgemeinern und, wenn möglich, mittels induktiver Verfahren einer empirischen Überprüfung unterziehen (verifizieren oder falsifizieren).
Noch wichtiger als eine empirisch gestützte Verifikation scheint mir im Kontext der Semiose ein strukturaler Ansatz. Demnach lässt sich eine Deutung stabilisieren, wenn sie sich widerspruchsfrei in einen vorgegebenen ‘syntaktischen’ und ‘semantischen’ Kontext einfügen lässt. In ihrer Gültigkeit gefestigt wird eine abduktiv ermittelte Bedeutung (Hypothese) durch die hermeneutische Praxis der syntagmatischen Kontextualisierung. D.h. die ermittelte Bedeutung muss sich im urbanen Kontext als sinnvoll erweisen und bewähren.

7. Stadt als System primärer und sekundärer Funktionen

Nach Umberto Eco lässt sich Stadt als - syntaktisches (oder pragmatisches) und semantisches - System von Zeichen definieren, die Bedeutungen denotieren und konnotieren. In diesem Zusammenhang unterscheidet er primäre und sekundäre Funktionen. Die primären Funktionen verweisen auf denotierte, die sekundären Funktionen auf konnotierte Bedeutungen. Denotierte Bedeutungen sind existentieller, grundlegender und sinnfälliger, als konnotierte Bedeutungen.
Den Unterschied von denotierten und konnotierten Bedeutungen bzw. primären und sekundären Funktionen erläutert Eco am Beispiel eines Stuhls. Ein Stuhl denotiert “Sitzen”, denn das ist seine primäre Funktion. Entsprechend denotiert ein Haus Wohnen, ein Bürgersteig “Gehen”, ein Parkplatz “Parken” usw.
Ist der Stuhl jedoch ein Thron oder das Haus ein Schloss, dann konnotiert der Stuhl “Würde”, “Herrscher” bzw. “König” und das Schloss in ähnlicher Weise “Reichtum”, “Prestige”, “Distinktion”, “Macht” oder “Adel”. Bei der Ermittlung von konnotierten Bedeutungen oder sekundären Funktionen kommen zudem die erwähnten Pierce’schen Zeichen zum Zuge, d.h. die indikativen, symbolischen und ikonischen Codes.
Wie sehr der jeweilige Nutzer einer Funktion auch daran mitwirkt, was denotiert wird, erläutert Eco am Beispiel von Wohngebäuden, die zu Zeiten der Ausbreitung der modernen Toilettenschüssel mit Wasserspülung in Italien mit eben diesen ausgestattet wurden. Für die Bauern denotierten die Kloschüsseln zunächst nicht die diesen eigentlich zugedachten Verrichtungen - diese wurden nämlich weiterhin auf dem Feld hinterm Busch oder auf dem Donnerbalken erledigt. Die Landbewohner sahen in den Keramikschüsseln vielmehr praktische Geräte zum bequemen Waschen ihrer Olivenernte mittels eingehängter Netze. In bestimmten räumlichen und zeitlichen Kontexten, so die Aussage, vermögen sogar Toilettenschüsseln “Waschbottich für Feldfrüchte” zu denotieren.
Mit Blick auf die Semiose gibt es in der Regel erhebliche Unterschiede zwischen primären und sekundären Bedeutungen. Die Verräumlichung von primären Funktionen wie Wohnen, Arbeiten, Begegnen, Bewegen, Bilden, Kaufen usw. verweist auf Raumnutzungen, die so fundamental sind, dass ihre Zeichenhaftigkeit als objektiv gegeben bzw. als pragmatisch eingestuft werden sollte. Das bedeutet jedoch nichts anderes, als dass in diesem Fall der Beitrag des Beobachters bei der Entbergung eines Signifikats relativ gering ist.
Anders im Falle sekundärer Funktionen oder Bedeutungen, also im Falle eines Wohnhauses etwa die Botschaften ‘Armut’, ‘Reichtum’ oder ‘Distinktion’ (z.B. mittels architektonischem Stil). Hier scheint die Mitwirkung des Beobachters bei der Bestimmung des Signifikats, mithin sein hermeneutischer Beitrag im Prozess der Semiose, viel wichtiger.
Beispiel: Werfen wir einen Blick auf das Parlamentsgebäude des semiotisch beschlagenen Architekten Oscar Niemeyer in Brasilia. Es beherbergt zwei Volksvertretungen, diejenige von Brasilien und diejenige der Hauptstadtprovinz. So weit zu den primären Funktionen. Frage: Welche der beiden Parlamentsgebäude gehören zu welcher Volksvertretung? Den Schlüssel zur Antwort liefern die Konnotationen des Gebäudekomplexes: Die Kuppel - die als symbolisches Zeichen Begrenzung, Intimität und Geschlossenheit konnotiert - beherbergt das  Provinzparlament, das konkave Dach (die “Schüssel”) - das Grenzenlosigkeit, Offenheit und Weite konnotiert - beherbergt das nationale Parlament Brasiliens. Zur Verifizierung dieser abduktiv ermittelten Aussage genügt ein Besuch des öffentlich zugänglichen Gebäudes.
Ein weiteres Beispiel: Referent sei der komplett mit Bürgerhäusern gefüllte Blockrand eines zentralen städtischen Quartiers. Signifikant (Sender) ist hier ein geschlossener Blockrand mit dekorierten Giebelfassaden; Signifikat (Botschaft) ist dann mit Blick auf die primäre Funktion der ‘straßenseitige Abschluss des tragenden Mauerwerks. Diese Funktionsbestimmung dürfte unstrittig sein, zumal die Giebelform auf das (nordische) Sattel- oder Walmdach verweist, das von eben diesem Mauerwerk getragen wird.
Weniger eindeutig und somit von der Mitwirkung des Beobachters deutlich abhängiger ist das Signifikat im Sinne etwaiger sekundärer Funktionen. Eine solche sekundäre Funktion des Giebels könnte beispielsweise seine Rolle bei der  Inszenierung von öffentlichem Stadtraum sein. Durch die Rahmung mit dekorierten Giebelfassaden erhält der auf diese Weise mit erzeugte öffentliche Raum einen bühnenhaften, theatralischen Charakter.

8. Stadt als Syntagma

Der dem Empirismus skeptisch gegenüberstehende Strukturalismus begreift Stadt konsequenterweise als Syntagma (Ferdinand de Saussure), d.h. als soziokulturelle Totalität, die einen in sich schlüssigen und zugleich auch sinnvollen räumlichen Text definiert. Die Bestimmung der Stadt als Syntagma verweist auf einen urbanen Text, der zum einen eine funktionale, ‘grammatikalische’ Struktur aufweist, zum anderen eine semantische, narrative Struktur. Man kann Stadt nicht nur lesen, sondern auch verstehen. Das bedeutet, dass in einer Stadt die räumlichen Funktionen nicht nur grammatikalisch-syntaktischer Natur sind, sondern, wie in jeder plausiblen Aussage, zugleich auch narrativ-semantischer Natur. (vgl. dazu Umberto Eco)
Stadt - als Referent - offenbart insofern ein Zusammenspiel syntaktisch und semantisch verknüpfter Funktionen. Dies geschieht etwa so, wie ein grammatikalisch schlüssiger Satz zugleich einen sinnvollen Inhalt zu transportieren vermag. Strukturell besteht eine Stadt insofern aus einer Anzahl von in sich schlüssigen und sinnvollen Elementen, die in der Regel beides zugleich sind: Funktionsträger und Bedeutungsträger.
Versucht man, Stadt als syntaktisch strukturiertes System von aufeinander abgestimmten, primären Funktionen zu definieren, dann könnten folgende Elemente adressiert sein: Erschließungssystem, Wohnen, Arbeiten, Bildungsinfrastruktur, Regieren, Versorgen, Freizeit, Gesundheit, Sicherheit etc. Dabei ist zu beachten, dass jedes Element selbst wieder aus Elementen besteht, die in einer syntaktischen Ordnung zueinander stehen. So gliedert sich ein lokales Erschließungssystem in Straßen hierarchischer Ordnung, Bürgersteige, Radwege, Wege im Grünraum, Ein- bzw. Ausgangsrampen, Flure in mehrgeschossigen Gebäuden, Treppen, Aufzüge uvm. und ein Bürgersteig ist selbst wieder eine syntaktische Komposition aus Bordsteinen, Bordsteinabsenkungen, Blindenleitflächen, Pflaster, Beschilderung usw.
Wird Stadt hingegen als narratives System von aufeinander abgestimmten, sinnvollen Bedeutungen bestimmt, dann treten die sekundären Funktionen stärker hervor. In ihrer Summe, ihrer Gewichtung und Zusammensetzung geben sie der Stadt Identität und somit Einzigartigkeit. Hier geht es nicht primär darum, dass gewohnt, gearbeitet, gekauft, gebildet etc. wird, sondern wie gewohnt, gearbeitet, gekauft, gebildet, kurz: wie gelebt wird - und dem entsprechend der Raum organisiert und strukturiert ist.
Der semantisch bestimmte Text “Stadt” lässt dabei zwei Dimensionen des Städtischen ganz besonders hervortreten: Zum einen die individuelle, die Stadt als singuläre Erscheinung bezeichnende Dimension (Paris, New York, Peking, Essen...). Zur Unverwechselbarkeit tragen Alleinstellungsmerkmale wie z.B. architektonische Leuchttürme bei. Zum anderen die Stadt als Exemplar einer soziokulturellen Stadtfamilie bzw. eines sozialgeschichtlichen Typs (Europäische Stadt, Orientalische Stadt).

9. Städtische Elemente als Einheit syntaktischer und semantischer Zeichen

Auch im Falle der semantischen Betrachtung des Referenten gilt, dass das, was für die Stadt als Ganze zutrifft, auch für deren Teile bzw. Elemente gültig ist. Betrachten wir beispielhaft eine chinesische Nachbarschaft als Referenten. Als syntaktische Einheit ist sie eine Raumkomposition aus Sicherheitsinfrastruktur, Erschließung, Wohngebäude, Grünräumen, Versorgungsinfrastruktur  etc, d.h. eine Komposition von Elementen, denen sich primäre Funktionen zuordnen lassen. Betrachten wir die Nachbarschaft jedoch in semantischer Perspektive - und hier betreten wird das Terrain der Semiose ganz entschieden - dann ergibt sich beispielsweise, dass das Erschließungssystem von demjenigen des offenen Stadtraums ganz klar getrennt ist - durch bewachte Tore mit Schlagbäumen, Rollgittern, Videokameras etc. Es ergibt sich weiter, dass die Wohngebäude nicht nur sehr hoch sind (25 Stockwerke und mehr), sondern nahezu vollständig nach Süden ausgerichtet sind, selbst im subtropischen China, wo die Südorientierung klimatisch keineswegs zwingend ist. Auch sind alle Gebäude einer Nachbarschaft mit einer durchgehenden Dekoration und Architektursprache, mit distinkten Dachaufbauten und dazu mit einem attraktiven, häufig englischen Namen (“Paris Glamour Villa”...) versehen, was kollektive Muster der Identitätskonstruktion signalisiert. Schließlich sind die Grünräume fast immer auf einen Hof oder Park im Zentrum der Wohnanlage ausgerichtet.
Alle diese Eigenschaften und Formen zusammengenommen machen die beschriebenen Nachbarschaften als “chinesische” kenntlich. Werfen wir einen kurzen Blick auf die Dachaufbauten, die “Hüte” der Wohntürme. In China wurden zur Kaiserzeit soziale Unterschiede vor allem durch das Tragen unterschiedlich geformter und gefärbter Kopfbedeckungen markiert. Insofern die Kopfbedeckungen an ihre Träger gebunden waren, handelt es sich um indikative soziale Zeichen, um Signifikanten, die sozialen Status als sekundäre Funktion konnotierten. Diese Bedeutung des Hutes wird heute von der aufstrebenden chinesischen Mittelklasse für ihre Wohnsiedlungen adoptiert - in vergleichbarer Weise, wie die  Südorientierung oder die Gemeinschaftshöfe der Siheyuan.
Dabei ändert sich jedoch mit dem Signifikanten die Natur des Signifikats: das zunächst indikative Zeichen verwandelt sich in ein symbolisches Zeichen, das die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Einkommensgruppe der neuen Mittelschicht symbolisiert. Wichtiger noch als diese Funktion ist jedoch die jeweilige Form der Dachskulptur, die zusammen mit dem architektonischen Dekor der Gebäude die Zugehörigkeit zu einer distinkten Nachbarschaft konnotiert.
Der Unterschied zwischen syntaktischen (funktional sinnvollen) und semantischen (hermeneutisch begreifbaren bzw. ästhetisch erfahrbaren) Codes spiegelt sich auch in den einander ergänzenden beruflichen Arbeitsfeldern von Ingenieuren und Architekten in der modernen Baukonstruktion. Ingenieure sind, so gesehen, Profis der Funktion, Architekten Profis des Sinns.
Beispiel: Damit ein Wohngebäude als Wohngebäude heutzutage seinen Zweck erfüllt, müssen Ingenieure und Architekten Hand in Hand arbeiten. Der Ingenieur verantwortet beispielsweise die Statik (eine Funktion, die sich ästhetischer Wahrnehmung weitgehend entzieht), die Schnittstellen zu den Versorgungsnetzen oder die Klimatisierung der Wohnungen, (in Deutschland mittlerweile ein ungemein komplexes Handlungsfeld). Der Architekt demgegenüber verantwortet die spezifischen ästhetischen Ansprüche der privaten Nutzer (Wohnungszuschnitt, Orientierung der Räume, Repräsentativität des äußeren und inneren Eingangsbereichs usw.) und die entsprechenden Ansprüche der Öffentlichkeit (städtebauliche Integration durch Traufhöhe, Blockrand, Kubatur, Rhythmus der Fassadengestaltung, Materialverwendung, Farbgebung etc.).

 

10. Urbane Paradigmen

In der Linguistik werden auch syntagmatische und paradigmatische Aussagen und Beziehungen voneinander unterschieden. Die folgende Matrix aus drei stadtbezogenen Sätzen verdeutlicht beispielhaft, wie das Verhältnis syntagmatischer und paradigmatischer Aussagen zueinander verstanden werden kann:
Linguistische Paradigmen und Syntagmen

Para 1           Para 2            Para 3               Para 4

Syntagma 1     Die         Straße         verbindet         Quartiere         miteinander
Syntagma 2     Der         Gehweg        bringt            Menschen        zueinander
Syntagma 3     Der         Pfad             trennt            Grünzonen       voneinander

Analog lässt sich Stadt auch als System räumlicher Paradigmen begreifen, beispielsweise als syntaktische Struktur von Peripherie, Zentrum, Quartier, Verbindungen etc. Diese Begriffe verweisen übrigens auf die urbanistische Zeichentheorie von Kevin Lynch. In Wegen, Kanten, Quartieren (Bezirken), Knoten und Landmarken diagnostizierte er die bestimmenden Elemente einer auf Orientierung zielenden Rezeption von städtischem Raum und schuf auf diese Weise ein Paradigma urbaner Raumrezeption.
Die Orientierung sollte in ihrer Bedeutung für die Nutzbarkeit städtischen Raums nicht unterschätzt werden. Dies gilt insbesondere für megaurbane Stadtlandschaften, wie sie überall auf der Welt in Entwicklungsregionen derzeit entstehen. Die Chinesen etwa gehen inzwischen dazu über, in ihren Megastäten mit 10 - 30 Mio EW unter Rückgriff auf ihre städtebaulichen Traditionsbestände gewaltige Achsen bzw. Korridore als urbane Zeichen zu planen und zu realisieren. In der nordchinesischen Metropole Shenyang kann man sehr gut besichtigen, wie die Ausweisung eines “Goldenen Korridors” in etwa einem Dutzend Jahren bewirkt hat, dass ein inzwischen ca. 30 km langer Streifen aus Wolkenkratzern die Stadt durchzieht und auf diese Weise den ansonsten unübersichtlichen Raum bestens rezipierbar macht. Der Name des Korridors verheißt im Übrigen Glück, denn Gold ist die Farbe des Kaisers, insbesondere auch der Dächer seiner Paläste.
Von einem städtebaulichen Paradigma könnte man auch mit Blick auf historische Stadttypen sprechen: Polis, römische Kolonialstadt, mittelalterliche civitas (Bischofsitz), befestigte frühbürgerliche Stadt, Stadt der Renaissance und des Barock, Kolonialstadt, frühindustrielle liberale Stadt (Stadt der Gründerzeit), funktionalistische Stadt...
Mittlerweile ist es schwierig geworden, aktuelle Städte diesem Paradigma historischer Stadttypen zuzuordnen. Stadt und Nation scheinen einer Regel gegensätzlicher Entwicklung zu gehorchen: Je stärker die Nation - und mit ihr der Staat als Akteur - hervortritt, umso mehr verblasst die Rolle der Stadt in Politik und Gesellschaft. Dieses Verblassen, so die Hypothese, artikuliert sich zeichenhaft in einer zunehmenden räumlichen Desintegration des Stadtbildes, in Zersiedelung, Suburbanisierung und Peripherisierung. Die politische Form dieses modernen Stadt/Land-Kontinuums ist die Republik als großräumiges Staatswesen.
Dieser bereits im 19. Jh. vielfach vertretenen These von der Entwertung der Stadt als Motor gesellschaftlicher und zivilisatorischer Entwicklung (u.a. Marx, Weber), stehen neuere Theorien entgegen, die Stadt, verstanden als Ort hoher Dichte und Aufenthaltsqualität, für die Beflügelung von Kreativität und Innovationskraft als unverzichtbar erachten (z.B. Richard Florida).

11. Superposition in der Stadtsemiotik

Von überragender Bedeutung für die Leistungsfähigkeit der von mir vertretenen Stadtsemiotik ist der geschichtstheoretische Begriff der Superposition, wie er von Walter Benjamin eingeführt wurde. Ihm zufolge steht Superposition für “das Neue erinnern”. Der Begriff der Superposition ermöglicht ein tieferes Verständnis des Unterschieds zwischen Raum und Ort. Zum Ort wird ein Raum demnach dadurch, dass er über ein Erinnerungspotential selbst dann verfügt, wenn er nagelneu ist. Räume, die eine Geschichte erzählen können - entweder, weil sie die Zeit hatten, Geschichte aufzusammeln und zu speichern oder weil das Narrativ in ihnen gleichsam verbaut ist - verfügen über eine Aura. Das aus den vereinigten Staaten kommende “Placemaking” (John Jerde) versucht, sich diese nutzbar zu machen.
Superposition verweist also auf den im Werk Benjamins zentralen Begriff der Aura. Immer wieder hat Benjamin Versuche unternommen, sich der Essenz dieses Begriffs zu nähern. In seinem Passagenwerk hat er einmal den Begriff der Aura mit demjenigen der Spur verglichen: “Die Spur ist Erscheinung einer Nähe, so fern das sein mag was sie hinterließ. Die Aura ist Erscheinung einer Ferne, so nah das sein mag, was sie hervorruft. In der Spur werden wir der Sache habhaft; in der Aura bemächtigt sie sich unser”. (V I, 560) Anders ausgedrückt: Die Aura ist das Vergangene im Gegenwärtigen, die Spur ist die Gegenwart von etwas Vergangenem.
In stadtsemiotischer Perspektive lässt sich Aura als eine ästhetische Dimension von urbanen Signifikanten bestimmen, die, indem sie in unsere Fantasie greifen, uns befähigen, bedeutsame Signifikate aufzuspüren.
Werfen wir einen Blick aus der Perspektive von Spur und Aura auf unsere Städte: Da etwa 80% der deutschen Städte in einem Zeitfenster zwischen 950 - 1250 u.Z. gegründet wurden, sind diese voller Spuren ihrer Jahrhunderte alten Geschichte - der Bombardierungen des 2. Weltkrieges zum Trotz. Nahezu all diese Städte verfügen über bauliche Hinterlassenschaften, die nichts anderes, als Spuren des an die Vergangenheit Verlorenen und in ihr Versunkenen sind.
Anders das Auratische des Gegenwärtigen. Bei diesem geht es um die Vitalität des Vergangenen. Das Neue kann erinnert werden, weil es die Vergangenheit mitnimmt. Das bedeutet, dass das Gegenwärtige die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet. Und Aura verweist auf das Zeichenhafte und insofern greifbare dieser Verbindung von Vergangenheit und Zukunft im Gegenwärtigen.
Der Städtebau nach dem Leitbild der europäischen Stadt mit ihrer parzellierten Blockrandbebauung, ihrer Mischnutzung und ihrer durch bedeutende öffentliche Funktionen geprägten Zentralität (repräsentiert durch die aus Markt, Rathaus und Kirche gestaltete klassische Stadtkrone) stellt insofern darauf ab, dem Auratischen eine Chance zu geben. Ganz anders der moderne, durch Architektenstars wie Gropius, van der Rohe oder Le Corbusier geprägte Städtebau, der dem gebauten Erinnern skeptisch begegnete und bauliche Traditionen zurückwies. Das Neue hatte gerade darin neu zu sein, dass es erinnerungs- und traditionslos sein musste, eine Architektur ohne Aura. Eine charismatische Zeichenhaftigkeit schloss dies freilich nicht aus.

12. Aura: das Geheimnis der Innovation

Aura im Medium des Städtebaus ist materialisierte, gebaute und mit der Funktion koexistierende Erinnerung. Ihre Vergegenwärtigung hilft uns, einen auf den ersten Blick nicht wahrnehmbaren Zeichenvorrat zu erkennen. Fragen wir also mit Benjamin nach dem Erinnerungspotential des Urbanen.
Er erläutert das Phänomen der Aura am Beispiel der in den 20iger Jahren des 19. Jh in Paris neu aufkommenden Passagen. Bei diesen handelt es sich um öffentliche Straßenräume, die mittels Konstruktionen aus den brandneuen Baumaterialien Stahl und großflächigem Glas überdacht wurden. Durch ihre “Einhausung” (mitsamt ihrer Abtrennung vom übrigen Straßenraum durch Tore) verwandeln sich diese Straßen in hybride Räume: formal öffentlich, von der Anmutung her, also informell: privat. Diese Ambivalenz, so Benjamin, generiert eine schillernde, auratische Zeichenhaftigkeit, die in die Fantasie der Nutzer greift - und auf diese weise auch Innovationen freisetzen kann. So löst die Empfindung von Privatheit und Intimität (das Ferne) die Vorstellung aus, eine Art von Wohnzimmer zu besuchen.
Nun war man es gewohnt, das eigene Wohnzimmer in der Nacht zu beleuchten, mit Lampen aller Art, darunter auch schon Gaslaternen. Also verfiel man darauf, die Passagen mit Gaslaternen auszustatten - und in diesem historischen Augenblick begann der Siegeszug der Gaslaterne, zunächst in den Hauptstädten, dann überall. Jede Straßenlaterne, die heute unsere nächtlichen Straßen illuminiert (Nähe), erinnert noch an das private Wohnzimmer, in dem bereits fixe Laternen genutzt wurden, als draußen, auf den Straßen noch Nachtwächter mit funzeligen Laternen in den Händen Fackeln an Straßenecken anzündeten und löschten.
Anderes Beispiel aus dem Passagenwerk: Der Umstand, dass die Einzelhändler in den Passagen ihr Warenangebot nun nicht nur dem Publikum des öffentlichen Straßenraums feilbieten, sondern innerhalb eines als ‘privat’ empfundenen, intimisierten Raums, löst bei dem findigen Aristide Boucicaut die Vorstellung aus, all diese Einzelhandelsgeschäfte unter einem Dach zusammenzufassen. Wenn nun noch die Hürde des Feilschens bei der Preisbildung zugunsten eines Fixpreis-Systems überwunden wird, sind die Voraussetzungen für die Bildung eines Kaufhauses gegeben. So entstand mit dem Bon Marché 1848 (1855 Eiffel) nicht zufällig das erste Kaufhaus der Welt in Paris. Die auratische Zeichenhaftigkeit der Passagen erweist sich als Medium der Verschmelzung von öffentlichem Marktplatz und Tante-Emma-Laden (privatem Einzelhandelsgeschäft).

13. Reflexivität im Städtebau

In seinem Buch “Das Reich der Zeichen” schreibt Roland Barthes von dem “tiefen Unbehagen”, das uns, den von europäischen Städten geprägten Menschen, Siedlungen ohne Zentrum bereiten. Solche Siedlungen weigern sich, als Stadt gelesen zu werden. Jedes neu gestaltete städtische Zentrum, ob öffentlicher Platz oder halböffentliche Plaza in einem Shopping Center vermag in uns - in der Regel unbewusst - die Erinnerung an eine Zentralität auszulösen, deren Kernbotschaft die Begegnung des Anderen ist. Obschon Barthes den Begriff der Aura nicht verwendet, kommt es seinen Gedanken doch sehr nah, wenn man sagt, dass die von ihm immer wieder thematisierte “erotische Dimension” des Stadtzentrums nichts anderes ist, als dessen Aura. Mögen öffentlicher und privater Raum formal einander entgegenstehen, so sind sie einander doch zugleich fern und nah, das Eine im Anderen.
Greifen wir nochmals das Beispiel einer zeitgenössischen chinesische Nachbarschaft auf. Diese ist immer eingehegt, mit gesicherten Toren versehen und sie verfügt über einen oder mehrere Innenhöfe, um die herum nach Süden ausgerichtete Wohngebäude angeordnet sind. Sowohl die Einhegung (Mauern, Zäune, Tore) als auch die Innenhöfe und die Südorientierung sind, indem sie auf vergangene Epochen des chinesischen Städtebaus verweisen, nichts anderes als verräumlichte, gebaute Erinnerung bzw. Vergangenheit. Mit Spur hat das wenig zu tun, wohl aber mit einem semiotisch ertüchtigten Verständnis von Aura. Mögen diese “urbanen Dörfer” nagelneu sein, so sind sie doch zugleich auch uralt. Dies ist die Essenz ihrer Sinität, in der sich Hypermodernität und Tradition miteinander mühelos verbinden.
Und die Zukunft? Diese artikuliert sich in der Materialisierung der Vereinbarkeit von hoher Dichte und hoher Lebensqualität. Die ergiebige, die Zukunft umarmende Synergie dieser Konstellation von Dichte und Lebensqualität ist Ergebnis des harmonischen Zusammenspiels von Vergangenheit und Gegenwart, Ferne und Nähe, Tradition und Moderne. Die Chinesen sind Meister der Superposition. Reflexivität, die Fähigkeit, das Neue zu erinnern, liegt in ihrer kulturellen DNA. Demgegenüber werden in Deutschland die Begriffe ‘Dichte’ und ‘Lebensqualität’ eher als Gegensatz kommuniziert - mit weitreichenden Folgen in Planung, Architektur und Städtebau.

 

14. Sein und Schein des Konnotierten

In seiner 'Einführung in die Semiotik' hat Umberto Eco unter dem Titel “Funktion und Zeichen” der Semiotik der Architektur einen eigenen Hauptabschnitt gewidmet. Dieser endet mit Überlegungen zur beruflichen Identität des Städtebauers: In seinen Entwürfen habe dieser variable und offene sozialräumliche Funktionen zuzulassen. Eco diskutiert diese Forderung an das Selbstverständnis des Entwerfers am Beispiel der brasilianischen Hauptstadt Brasilia, dessen Masterplaner Lucio Costa und dessen leitender Architekt Oscar Niemeyer war.
Das Ergebnis seiner semiotischen Untersuchung resümiert Eco wie folgt: “Zusammenfassend lässt sich sagen, dass aus der sozialistischen Stadt, die Brasilia sein sollte, das Abbild sozialer Unterschiede geworden ist. Primäre Funktionen sind zu sekundären geworden, und die letzteren haben ihr Signifikat (die Idee der Egalität - dh) geändert: die Gemeinschaftsideologie, die aus dem Stadtnetz und dem Aussehen der Gebäude hervorgehen sollte, hat anderen Anschauungen vom Leben in der Gesellschaft Platz gemacht. Und das, obwohl der Architekt in Bezug auf den Ausgangsentwurf nichts falsch gemacht hat. Nur, dass sich der Ausgangsentwurf auf ein System von sozialen Beziehungen stützte, das ein für allemal als definitiv betrachtet wurde, während in Wirklichkeit der Wandel der Ereignisse die Umstände, in denen die architektonischen Zeichen interpretiert werden sollten, verändert hatte, und damit auch das globale Signifikat der Stadt als Kommunikationsfaktum.” (Eco 1972, 355) Ich bin, bei allem Respekt, mit dieser Beurteilung durch Eco nicht einverstanden. Soziale Gleichheit mag eine Ideologie oder eine konkrete Utopie (Bloch) sein, doch ist sie niemals eine primäre Funktion. Das gilt auch für die Ideale der Gemeinschaft bzw. des Kollektivs. Die seriellen Plattenbauten von Brasilia denotieren Wohnen. Das ist ihre primäre Funktion und darin unterscheiden sie sich auch nicht von den Villen der Reichen und Mächtigen der Landeshauptstadt. Plattenbauten konnotieren immer soziale Gleichheit - und zwar auch dann, wenn die Menschen, die sie bewohnen, in sozialer, ökonomischer und persönlicher Hinsicht ganz und gar verschieden sind. Da jedoch manche Nachbarschaft von Brasilia, und somit viele Plattenbauten, heute Luxuswohnungen für betuchte Bürger bereithalten, konnotieren sie Bedeutungen, die sie nicht besitzen, die ihnen überhaupt nicht zustehen: Die Bauten senden a priori falsche Botschaften, Informationen, die über den Signifikanten täuschen. So kommt es zur Entstehung von unzutreffenden Signifikaten.
Diese Inkongruenz der Beziehung von Signifikant und Signifikat verdankt sich einer ideologischen Planung, einem Städtebau, der den fiktionalen Charakter sozialer Gleichheit ignoriert und so den Begriff der Stadt korrumpiert. Indem er das, was für Vielfalt, Differenz, Unterschied steht (“Anwesenheit des Anderen und Fremden”, “Marktplatz”, “Zentrum”, “Verräumlichung der bürgerlichen Gesellschaft” usw.) zu einem Ort der sozialen Gleichheit verklärt, irrt Costa und muss erleben, wie sein Irrtum durch die Wirklichkeit korrigiert wird.
Wie dieses Korrigieren in der Praxis funktionieren kann, zeigt ein weiteres Beispiel aus Brasilia: Um der Ideologie von der sozialen Gemeinschaft baulichen Ausdruck zu verleihen, wurden die Schaufenster der Nahversorgungszeilen entlang der Straßen nach innen ausgerichtet, also zu den Wohngebäuden der jeweiligen Nachbarschaften hin. Die Geschäfte erhielten auf diese Weise einen Status zugewiesen, wie er etwa einer Kantine zukommt, eine Art von betrieblicher Versorgungseinrichtung. Auf die freien Händler wirkte dieses architektonische Arrangement wie die Bereitstellung eines Stuhls ohne Sitzfläche. In der Sprache der Zeichentheorie: Der Signifikant denotierte Bedeutungen, die seinem Inhalt nicht entsprachen. Das Signifikat wurde zum Irrtum, zum Missverständnis.
Als die Einzelhändler dann die Geschäftsräume bezogen, war die Schließung der inneren Schaufenster mit Ziegel und Mörtel und der Aufbruch der Mauern für Schaufenster zur Straße hin ihre erste bauliche Maßnahme. Jeder Geschäftsinhaber weiß nämlich, dass Handel Kunden benötigt - und die bewegen sich nun einmal bevorzugt im offenen bzw. öffentlichen Raum und nur eingeschränkt im introvertierten Gemeinschaftsraum. Die primäre Funktion von Einzelhandelsfaszilitäten ist nämlich ‘Verkaufen’. Handel reimt sich auf Inklusion, auf offenen Raum und nicht auf Exklusion (‘geschlossenen Raum’).
In diesem Fall wurde durch die Geschäftsinhaber der Signifikant so manipuliert, dass die Versorgungszeilen wieder ‘Verkaufen ohne Exklusion’ denotieren und ‘offenen Raum’ konnotieren konnten: Raum für alle und jeden, der schauen und kaufen möchte. Mit dem Signifikanten wurde das Signifikat so geändert, dass die Integrität der Beziehung von Gesendetem und Empfangenen wieder gewährleistet ist. Denn die Bereitstellung von offenem, inklusivem Stadtraum, auch als halböffentlicher Raum bezeichnet, ist eine vitale, in der Logik des Verkaufens begründete Funktion des Einzelhandels.
Obschon der Plan Costas mit seinen symbolischen und narrativen Elementen den rein funktionalistischen Städtebau der Moderne hinter sich lässt, hat er gleichwohl den Begriff der 'Stadt' (den Referent) falsch, weil nicht 'städtisch' bestimmt. Der (sozialistische) Egalitätsgedanke (Eco spricht von 'Gemeinschaftsideologie') lässt sich dem Referenten “Stadt” überhaupt nicht zuordnen. Indem Brasilia der Ungleichheit Raum gab, wurde sie von ihren Bürgern nur vom Kopf auf die Füße gestellt.

15. Stadtsemiotik und interkulturelle Kompetenz

M.E. entwickelt die urbane Semiotik ihre größte Stärke in der interkulturellen bzw. kulturvergleichenden städtebautheoretischen Forschung. Mögen die primären Funktionen bzw. die Denotationen häufig die gleichen sein, so sind die sekundären Funktionen oder Konnotationen in den meisten Fällen sehr unterschiedlich - oder sollten unterschiedlich sein, um der Wirklichkeit standzuhalten. Im Folgenden werden kurz drei weitere Beispiele besprochen, die dem urbanen Paradigma der Bewegung im Raum angehören.
Beispiel 1: Bürgersteig. In Europa ist der Bürgersteig Teil des öffentlichen Raums und bestimmten formalen und informellen Regeln der Nutzung unterworfen. Formale Regeln betreffen i.d.R. die Sicherung der Nutzbarkeit (Freihaltung, Pflege, Standplatzgenehmigung etc.). Die informellen Regeln betreffen das zivilisierte Verhalten im öffentlichen Raum (Rücksicht, Reinlichkeit, Höflichkeit, Kleidung etc. vgl. dazu R. Sennett). Hier ist der Bürgersteig ein Raum für alle Bürger.
In China existieren ebenfalls formale Regeln, die denjenigen Europas vergleichbar sind. Andererseits fällt auf, dass öffentliche Verpflichtungen wie Freihaltung, Pflege, Ausnahmegenehmigungen etc. deutlich weniger konsequent eingefordert werden. Der Bürgersteig ist eher nur ein Gehweg, dem vergleichbar geringe Wertschätzung und öffentliche Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, eine Residualfläche. So ist es möglich, dass er mit Bäumen und Masten bis zur Nutzlosigkeit vollgestellt wird, dass Anwohner ihn als Reserveraum nutzen, Teile ihrer Freizeit, ihres Gewerbes oder ihrer häuslichen Verrichtungen auf den Gehweg auslagern. Es scheint daher angemessen, im Falle des chinesischen Gehwegs von einem offenen Raum zu sprechen, einem Raum, der teils temporär, teils aber auch dauerhaft für Zwecke genutzt wird, für die er nicht gemacht wird. In China existieren viele Bürgersteige, die nicht Bürgersteig denotieren, sondern Residualraum. Dem entsprechend ist häufig die Grenzziehung zwischen Straße und Gehweg unscharf - insbesondere in kleineren Städten.
Beispiel 2: Straße. In Europa dient die Stadtstraße vor allem der Fahrzeugmobilität, dem Auto, dem Bus etc. Die Straße denotiert die Funktion “Mobilität”. Das ist in China nicht anders. Dennoch sind gerade neuere Straßen in China meist von erheblicher Breite. Sechs oder mehr Fahrstreifen für Erschließungsstraßen sind keine Seltenheit. Die Dimensionen der Straßen reflektieren zugegebenermaßen das erwartete Wachstum der Kfz.-Nutzung in Zukunft und auch die extrem hohe Populationsdichte in den Städten. Dennoch übertrifft das Maß der Straßen regelmäßig diesen Bedarf. Der Grund ist, dass die Stadtstraße zugleich eine Skulptur ist, die Erhabenheit, Macht und Größe im Sinne von Großartigkeit konnotiert.
Beispiel 3: Platz. Wie kaum ein Element der Stadt steht der Platz in Europa für Öffentlichkeit und Bürgerlichkeit. Der Marktplatz gar ist ein Ursprungsort der europäischen Stadt als einem distinkten Stadttyp. Die Marktakteure, die Händler und Handwerker als Warenverkäufer, Warenkäufer und Warenproduzenten erlangten nämlich, was in China nicht geschah, städtische Freiheit, bildeten Räte und wurden die Herren über den städtischen (öffentlichen) Raum. Die Bürgerlichkeit bzw. Öffentlichkeit des europäischen Marktplatzes geht einher mit einer bestimmten Vorstellung von menschlichem Maß, von Intimität und bühnenhafter Inszenierung. Der theatralische Charakter des historischen Marktplatzes der europäischen Stadt wird von den Giebelfassaden der angrenzenden (patrizischen) Häuser gewährleistet. Die Fassaden sind der öffentliche, den öffentlichen Raum definierende Teil des überkommenen Stadthauses. So konnotiert der europäische Marktplatz, die Piazza oder Plaza, bürgerliche Öffentlichkeit und konnotiert Intimität, Theatralik, Begegnung.
Anders der Platz in China. Da die chinesische Stadt zu keinem Zeitpunkt der Geschichte sich zu einer Bürgerstadt entwickeln konnte, entbehrt der Marktplatz hier von vornherein und immer schon eine bürgerliche, öffentliche Funktion. Der chinesische Marktplatz blieb mitsamt seinen Akteuren, den Händlern, eine dem Hof untergeordnete Institution. So kommt es, dass die Evolution des chinesischen Stadtplatzes sich aus höfischen Quellen speist und seine Gestaltung sich auf diese Weise dem europäischen Barockplatz (als Raumfigur, die die Macht eines absoluten Herrschers denotiert) annähert. In China sind Plätze häufig so groß, dass sie jeder Intimität entbehren und als Ort der Begegnung kaum funktionieren. Oft sind sie von raumbeherrschenden Achsen kaum zu unterscheiden.
Weitere Beispiele einer interkulturell informierten Stadtsemiotik: Nehmen wir die Mauer oder den Zaun. Weltweit bzw. ganz allgemein denotieren Mauer, Zaun, Hecke etc. Barriere, Grenze, Trennung von außen und innen. Und kulturübergreifend dürften Mauer und Zaun auch Sicherheit und Raumkontrolle denotieren.
In interkultureller Perspektive kann dieses Innen und Außen jedoch sehr verschieden sein. So dürfte in Europa durch einen Zaun oder eine Begrenzungsmauer ein Privatgrundstück vom öffentlichen Raum getrennt sein, also z.B. ein freistehender, von einem Grünraum (Garten, Rasen und Blumenbeete) umschlossener Geschossbau von einer vorbeiführenden Straße mit Bürgersteig. Zaun und Mauer konnotieren in diesem kulturellen Kontext mithin Privatheit.
In China hingegen gibt es kein Privateigentum an Grund und Boden. Also kann ein Zaun auch nicht Privateigentum von öffentlichem Eigentum separieren. Vielmehr werden hier ein geschlossener Raum, der Raum einer Nachbarschaft bzw. Gemeinschaft vom offenen Stadtraum getrennt. Der Eigentümer des Raums ist in beiden Fällen, also innen und außen derselbe, nämlich der Staat bzw. die Gesellschaft als Ganze. Folglich konnotieren Zaun und Mauer in China Gemeinschaftsbesitz, nachbarschaftliches Kollektiv o.ä. Dabei gilt der geschlossene Raum als der bedeutsamere Raum, denn er denotiert Familie und Gemeinschaft.

16. Dichte und Zeichen

Wenn Kultur ein bestimmender Faktor sozialer Raumproduktion ist, dann sollte dieser Sachverhalt für Regionen, die eine identifizierbare Kultur teilen, sich in räumlichen Mustern ausdrücken. Ein solches abstraktes, aggregiertes Muster zeigen beispielsweise dreidimensionale Darstellungen der Einwohnerdichte pro m2-Einheit (z.B. 250 m x 250m = 62.500 m2) auf nationaler Basis. Die Charts zeigen deutlich die sehr geringe urbane Dichte in Deutschland, die “Kopflastigkeit Frankreichs, die vergleichsweise hohe Dichte in England und die unübertroffene Dichte im bevölkerungsreichen China.
Mit einem hinreichenden Maß an kulturellem Wissen, lassen sich die Karten semiotisch gewinnbringend deuten: Die Karte Deutschlands bestätigt den Hang der Deutschen zu einem Leben in Kleinstädten, nach Durchgrünung seiner Städte, die starken Vorbehalte gegen Großstädte, die anhaltend romantische Verklärung des Landlebens usw. Dementsprechend zeigt die Karte durch eine nahezu flächendeckende hellgrüne Einfärbung ein enormes Ausmaß von Zersiedlung. Deutschland ist weder besonders ländlich, noch besonders städtisch. Es ist, mit einem Wort von Tom Sieverts, Zwischenstadt.
Die französische Karte bestätigt die Abhängigkeit der französischen Identität von der Hauptstadt Paris, von Paris als Superzentrum der Nation. Vergleichbares lässt sich mit Blick auf London auch für England oder sogar für das Vereinigte Königreich sagen, doch zeigt die Karte zugleich ein kontrastreiches Muster, das auf eine vergleichbar hohe Dichte der Siedlungsräume verweist. Entsprechend konnte sich der ausgesprochen pastorale, arkadische Charakter der englischen Landschaft bis auf den heutigen Tag erhalten. Die urbane Dichte chinesischer Städte schließlich erreicht das 10- bis 20-fache der Dichte der am dichtesten besiedelten deutschen Städte. Hier werden die architektonischen und städtebaulichen Lösungen für ein Leben unter extremen Dichtebedingungen - ohne nennenswerte Einschränkung der Lebensqualität - entwickelt.

17. Kurze Zusammenfassung

Die Stadtsemiotik liefert dem Beobachter urbaner Räume eine Sammlung von aufeinander abgestimmten, leistungsfähigen Werkzeugen, mit Hilfe derer er relevante funktionale (syntaktische) und narrative (semantische) Botschaften entschlüsseln kann. Die erfolgreiche Dekodierung benötigt zwei “Akteure”, den Sender bzw. Signifikanten und den Beobachter, der mit klugen Hypothesen an der Erzeugung einer sinnvollen Botschaft, dem Signifikat, mitwirkt. Dabei sind in pragmatischer Perspektive grundsätzlich zwei Arten von Funktionen, Inhalten oder Bedeutungen zu unterscheiden, primäre und sekundäre. Primäre Bedeutungen werden denotiert und sind daher eher unstrittig, sekundäre Bedeutungen werden konnotiert und geben dem Beobachter einen großen Interpretationsspielraum. Die soziale und kulturräumliche Kontextualität städtischer Zeichen, ihr systemischer oder auch strukturaler Charakter, erlaubt nicht selten mehr als eine Konnotation. Als Verräumlichung von Gemeinschaft und Gesellschaft weisen Stadt und die Elemente, die sie konstituieren, zudem raumzeitliche Überlagerungen oder Verschränkungen (Superpositionen) auf, die als Aura städtischer Artefakte wahrgenommen werden können. Die bewusste “Mitnahme” von Geschichte bei der Produktion des Raums, dessen “Auratisierung”, ist ein “ontologischer Imperativ” eines gelingenden Städtebaus. Wir können ihn auch als “reflexiven”, Vergangenes und Fernes auf den Weg in die Zukunft begleitenden Städtebau bezeichnen. Ihre größte Stärke demonstriert die Stadtsemiotik bei der Förderung interkultureller Kompetenz. Hier hilft sie, Projektionen und insofern interkulturelle Missverständnisse zu vermeiden. Die Stadtsemiotik ermöglicht auf diese Weise nicht nur ein besseres Verständnis fremder urbaner Kulturen, sondern, damit untrennbar verknüpft, zugleich ein tieferes Verstehen der eigenen Kultur städtischer Raumproduktion. Auf diese Weise wird die Stadtsemiotik zu einem Grundlagenwissen, das für eine Verbesserung von Stadtplanung und Städtebau unverzichtbar ist und dem entsprechend im Curriculum dieser Fachrichtungen berücksichtigt werden sollte. Manches spricht sogar dafür, dass die Stadtsemiotik bei zukünftiger KI eine Rolle spielen könnte, etwa bei der Entwicklung intelligenter Algorithmen für Roboter, die sich autonom im städtischen Raum bewegen.

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