Urban Solutions
Prof. Dr. Dieter Hassenpflug
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1. Die deutsche und chinesische Großsiedlung in kulturvergleichender Perspektive


Um deutsche und chinesische Großsiedlungen miteinander zu vergleichen, ist es erforderlich, die “Großsiedlung” zunächst einmal einer begrifflichen Begutachtung zu unterziehen; denn je nachdem, wohin man schaut - nach Deutschland oder nach China - unterscheidet sich dieser Siedlungstyp fundamental.
Schon ein flüchtiger Blick nach China zeigt, dass dort Großsiedlungen der dominierende Stadtbaustein nicht nur in der Vergangenheit waren, sondern auch in der Gegenwart sind. Tag für Tag werden überall in dem bevölkerungsreichsten Land der Welt die Tore neuer Wohnsiedlungen geöffnet, mit in den Himmel ragenden Wohngebäuden und mit vielen Tausenden von Einwohnern (EW). Die größte Hochhaussiedlung in Shanghai, ‘Brilliant City’ am Suzhou-Fluss, hat beispielsweise ca. 50 Tsd EW.
Kein Wunder, wenn man auf die jüngere Verstädterungsdynamik Chinas schaut: So ist der Urbanisierungsgrad seit der Öffnung Chinas vor ca. 36 Jahren von unter 20% auf mittlerweile ca. 55 % emporgeschnellt. Es wird prognostiziert, dass in ca. 15 Jahren mehr als eine Mrd. Menschen in dann mehr als 200 Städten mit über 1 Mio EW und ca. 10 Megastädten (mit mehr als 10 Mio EW) leben werden. Städte wie Shenzhen im Süden, Shanghai in der Mitte oder Peking im Norden sind nach der Öffnung des Landes und bis vor wenigen Jahren um durchschnittlich über 200 Tsd EW p.a. (!) gewachsen, in 4 Jahren um knapp 1 Mio. EW.
Man kann leicht ermessen, welche Herausforderungen dieses Städtewachstum für die örtliche Stadt- und Gebietsplanung und für den lokalen Großsiedlungsbau bereithält. Wie die Flutwellen eines Tsunami ergießen sich die Städte in das umgebende Land und begraben Dörfer und Äcker gleichermaßen unter sich. In den Jahren zwischen 1980 und 2010 verschwanden auf diese Weise durchschnittlich 35 Dörfer pro Tag; und pro Jahr wurden in dieser Zeit durchschnittlich etwa 1,5 % des verfügbaren Agrarlandes überbaut - was schon mittelfristig eine enorme Bedrohung für die Nahrungssicherheit des chinesischen Milliardenvolkes darstellt.
In Deutschland findet demgegenüber eine Urbanisierung kaum noch statt, wenngleich der Landschaftsverbrauch durch Zersiedelung städtischer Peripherien nicht unerheblich ist. Hier ist die Großsiedlung kein dominierender Siedlungstyp mehr - und vielleicht ist sie dies auch nie gewesen. Sie findet sich zumeist an den Stadträndern, wo sie heute mit dispersen Siedlungen aus Einfamilienhäusern konkurriert. Auch haben sich in jüngerer Zeit vielerorts attraktive Innenstädte zu einer Siedlungsoption gemausert - insbesondere für junge Menschen.
In Deutschland, wie überall in Europa, repräsentieren Großsiedlungen durch ihre Architektur und räumliche Organisation eine vergangene Zeit, die Zeit der Blüte der sozialdemokratischen und sozialistischen Moderne des 20. Jahrhunderts vor und nach dem 2. Weltkrieg. Bei den Wohngebäuden handelt es sich in der Regel um mehrgeschossige Zeilenbauten, gelegentlich auch um Punktbauten, die unter weitestgehendem Verzicht auf Fassadenornamentierungen aus vorgefertigten Elementen assembliert wurden. Fachleute sprechen vom funktionalistischen Städtebau, der Volksmund hingegen bevorzugt die Rede von den ‘Plattenbausiedlungen’ - und Leipzig-Grünau ist eine typische, ziemlich groß - und gerade darin auch repräsentativ - geratene Ausgabe dieser Spezies.
Zwischen dem maoistischen Städtebau Chinas und dem deutschen Großsiedlungsbau der Nachkriegszeit besteht eine enge Verbindung. So wurde jener maßgeblich durch den poststalinistischen Siedlungsbau der Sowjetunion geprägt, dessen baukonstruktive, funktionale und ästhetische Konzepte wiederum von der klassischen Moderne des Westens inspiriert wurden. Insoweit verdankt sich der sozialistische Großsiedlungsbau Chinas einem ‘transcontinental flow’ von Europa nach China, um den bekannten Topos von Mario Gandelsonas vom ‘transatlantic flow of design’ zwischen Nordamerika und Europa einmal abzuwandeln.
Beim näheren Hinsehen zeigen sich jedoch konzeptionelle - wenngleich kaum bauliche bzw. bautechnische - Differenzen zu den offenen Großsiedlungskonzepten Europas: Die chinesischen Wohnsiedlungen sind nahezu durchgängig abgeschlossen, d.h. durch Mauern und Zäune eingehegt und mit bewachten Toren versehen. In der Mao-Zeit handelt es sich in der Regel um ‘Danwei’, um integrierte städtische Produktionsgenossenschaften, wo man nicht nur wohnte, sondern auch arbeitete, einkaufte, zur Schule ging, medizinisch versorgt wurde etc. Die Danwei waren in nahezu prototypischer Weise urbane Dörfer.
Neben der baulichen Funktionsdifferenzierung war und ist die strenge Südorientierung der Gebäudezeilen ein typisches Merkmal dieser Siedlungen. Auf die Gründe dafür kommen wir weiter unten noch zu sprechen. Fakt ist, dass in China diesbezüglich die von der berühmten Charta von Athen, dem Manifest des modernen Städtebaus des CIAM (Congrès International d’Architecture Moderne) geforderte Südorientierung viel strenger umgesetzt wurde, als dies in Europa jemals geschah. Für Grünau, wie für alle vergleichbaren deutschen Großsiedlungen, haben die Planer sich städtebauliche Gestaltungsfreiheiten unter anderem dadurch verschafft, dass sie die Fronten ihrer Gebäudezeilen nicht nur nach Süden, sondern in erheblichem Umfang auch nach Westen oder Osten orientierten.
In Deutschland versteht sich die moderne Großsiedlung als Konkurrentin der traditionellen europäischen Stadt, als sozialistischer und etatistischer Gegenentwurf sowohl zur ‘liberalen Stadt’ (L. Benevolo) der Frühindustrialisierung mit ihren inhumanen, lichtlosen, unhygienischen und übervölkerten Mietskasernen als auch zur altbürgerlichen Stadt mit ihrer aus Markt, Kirche und Rathaus komponierten Zentralität, ihrer kleinteiligen Mischnutzung, ihrer parzellierten Blockrandrandbebauung und ihren mittels dekorierter Fassaden inszenierten öffentlichen Räumen. Dem entsprechend verzichtet die Großsiedlung auf Fassadenkult, trennt die Funktionen, ersetzt öffentliche Räume durch Abstandsgrün und fokussiert auf preiswerten, hellen und hygienischen Wohnraum.
Heute ist dieser Siedlungstyp in Deutschland und Europa weitestgehend Geschichte. Die Großsiedlungen existieren, doch stellen sie die Stadtplanung vor die gewaltige Herausforderung, deren sozialräumliches, funktionalistisches und kollektivistisches Konzept in die heterogene, hochgradig individualisierte und sozial fragmentierte postfordistische Gesellschaft zu integrieren.
Schauen wir auf das heutige China. Hier ist die Großsiedlung keine Stadtalternative. Sie ist, wie bereits oben angedeutet, der Grundbaustein der aktuellen Stadtentwicklung. Und noch etwas: Sie ist eine postfordistische, ja postmoderne Weiterentwicklung des funktionalistischen Städtebaus, in dessen Tradition sie mithin steht. Eine vergleichbare Weiterentwicklung lässt sich für Deutschland aufgrund fehlenden Bedarfs und von mangelnder Kompatibilität mit den vorherrschenden individualisierten Lebensentwürfen nicht nachweisen. Hier ist die Geschichte der sozialen Großsiedlung mit dem Verblassen egalitärer, fordistischer Leitbilder zunächst einmal beendet. In China hingegen findet die Geschichte der Großsiedlung eine spektakuläre Fortsetzung.
Die chinesische Großsiedlung wird seit der Öffnung Ende der 70er Jahre, und seit der damit einsetzenden Abkehr vom System der Danwei, als monofunktionale Nachbarschaft verwirklicht, gleichgültig, ob sie 4 Tsd, 10 Tsd oder 50 Tsd EW ein Zuhause bietet. Sie ist immer abgeschlossen, d.h. durch bewachte Tore, Mauern, Zäune und häufig durch Nahversorgungszeilen vom umgebenden Stadtraum abgetrennt. Man bezeichnet sie daher anglisierend gern auch als ‘compound’ (dt: ‘Verpackung’). Die Konsequenz ist, dass die Siedlung über ein eigenes, vom öffentlichen Straßenraum der Stadt abgetrenntes Erschließungssystem verfügt. Dass die Abtrennung nicht nur räumlicher, sondern auch politischer Natur ist, zeigt sich daran, dass die Nachbarschaften als unterste administrative Einheiten der städtischen Gebietskörperschaft fungieren, als MRD’s (‘Micro Residential Districts).
Die hoch aufragenden Zeilen- und Punktbauten ‘schwingen und tanzen’ in der Regel um einen landschaftsarchitektonisch gestalteten, durchgrünten, mit Aufenthaltsflächen, Kinderspielplätzen, Sitzgelegenheiten, Pavillons, Brunnen und Gewässern aller Art versehenen Innenbereich. Diesen sollte man als Nachbarschafts- bzw. Gemeinschaftshof bestimmen, da er als Teil des abgeriegelten Quartiers für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Der introvertierte Nachbarschaftshof steht vielmehr den Bewohnern der Nachbarschaft und ihren Gästen für Zwecke der Naherholung und Begegnung exklusiv zur Verfügung.
Die sozial und ökonomisch außerordentlich homogene Bewohnerschaft der Nachbarschaften nutzt Stil und Design der Architektur zur kollektiven Identitätsbildung. Dem entsprechend kennt die Siedlung nur eine architektonische Handschrift, einen durchgängigen Stil, z.B. ‘toskanischer Stil’, niederländischer, französischer oder deutscher Stil - was immer das sein mag. Verstärkt wird diese soziale Funktion der Architektur häufig noch durch unverwechselbare Dachaufbauten, Namensgebungen oder nächtliche Beleuchtungskonzepte für Anlagen und Gebäude. So zeigt beispielsweise eine nordchinesische Nachbarschaft namens “Vienna Forest Villa” 25-geschossige Zeilen und Punktbauten, die mit nachts beleuchteten Kuppelimitaten der europäischen Renaissance verziert sind.
Wie bereits erwähnt, sind die Gebäude nach Süden ausgerichtet. In Shanghai und vielen anderen Städten ist ein Abweichen von der Südorientierung sogar genehmigungspflichtig. Der Grund für diese strenge Praxis ist zunächst natürlich ein klimatischer. Im Norden ist die Wärme der tieferstehenden Südsonne in den Wohnungen hochwillkommen und in der Mitte Chinas verhindert die Südorientierung durch den steilen Einfallswinkel der Strahlen einer hoch stehenden Sonne das allzu starke Aufheizen der Wohnungen. Nur im subtropischen Süden Chinas lockert sich der städtebauliche Umgang mit der Südorientierung.
Der eigentliche Grund für die Strenge der Südorientierung ist jedoch in Geschichte und Tradition zu suchen. Gleiches gilt übrigens auch für die Praxis der Abriegelung der Nachbarschaften und für die Ausstattung der Compounds mit Nachbarschaftshöfen. Bereits im alten, kaiserzeitlichen China ist die Gesellschaft in geschlossenen Nachbarschaften organisiert. In diesen Quartieren (in Peking waren dies die sog. Hutongs) verfügt jede Familie über ein ebenfalls eingehegtes Anwesen (Siheyuan), dessen Gebäude so angeordnet sind, dass sie einen kleinen Innenhof formen. Das größte Gebäude ist den wichtigsten Mitgliedern der Familie zugewiesen, den Eltern bzw. Großeltern. Dieses Gebäude bildet den nördlichen Abschluss des Anwesens und öffnet sich nach Süden auf den Innenhof.
Diese Verknüpfung von sozialer und architektonischer Bedeutung in den alten Siedlungen  wird heute von der rasant wachsenden chinesischen Mittelschicht adaptiert und auf das Wohnen in den neuen Siedlungen projiziert. Wer auf sich hält, lebt daher in einer nach Süden ausgerichteten Wohnung in einer abgeriegelten Nachbarschaft mit Gemeinschaftshof. Da chinesische Familien ihre Wohnungen in der Regel nicht mieten, sondern kaufen, ist jeder Verkäufer - bei neuen Wohnquartieren sind dies meist große Projektentwickler - gut beraten, nach Süden ausgerichtete Gebäude anzubieten; denn Südorientierung ist mit sozialem Status verbunden und insofern ein ‘selling argument’. In Deutschland wurden Großsiedlungen demgegenüber als Mietobjekte mit dem Ziel der Bezahlbarkeit für einkommensschwache Schichten realisiert und auch heute werden die Wohnungen fast ausnahmslos vermietet. Obschon die Südorientierung aus klimatischen Gründen auch bei uns in Deutschland viel Sinn macht, etwa bei der Aufhellung und Aufwärmung von Innenräumen, der Nutzbarkeit von Balkonen und aktuell bei der Verwendbarkeit von Dächern für Solarmodule, wurde und wird sie hier bislang keineswegs so konsequent umgesetzt, wie dies in China geschieht.
In China wurde der fordistische Städtebau in eine neue Zeit geführt und für eine sich dynamisch verändernde Gesellschaft verfügbar gemacht. So hat man wichtige Prinzipien des modernen Bauens, wie beispielsweise die Vorfabrikation, die Serialität, das wirtschaftliche Konstruieren etc. beibehalten und diese Bauphilosophie zugleich postfordistischen Geschmacksurteilen und Lebensformen geöffnet. Dabei sind, trotz der Größenordnungen, der enormen Baudichte und Bauhöhen, attraktive, durchgrünte, verkehrsberuhigte, geschützte Stadträume entstanden, die eine Existenz selbst in Mega- und Hyperstädten lebbar machen.
Ganz im Gegensatz zu China kämpfen Großsiedlungen hierzulande an vielen Fronten um ihre Daseinsberechtigung. Vielerorts sind die Gebäude energie- und sanitärtechnisch veraltet, die Wohnflächen genügen häufig nicht den gehobenen Ansprüchen an Wohnraum. Es gibt Leerstände. Ursachen für den Mangel an Nachfrage sind neben den genannten Defiziten u.a. die Abwanderung junger Menschen aufgrund lokal fehlender Arbeitsplätze, demografische Entwicklungen, die sich in Geburtenmangel bzw. Sterbeüberschüssen manifestieren, Chancenlosigkeit in der Konkurrenz mit attraktiveren Wohnalternativen und gewiß auch ein weit verbreitetes Imageproblem, das durch die genannten Entwicklungen immer wieder Nahrung erhält. Großsiedlungen scheinen angesichts der genannten Probleme Vergangenheit zu sein.
Andererseits sind sie da und verlangen schon aus städtebaulichen und wirtschaftlichen Gründen nach baulichen Interventionen. Gewiß, es wurde und wird viel investiert, um die Lage der deutschen Großsiedlungen zu verbessern - durchaus mit Erfolg. Es wird saniert, renoviert, energetisch und gebäudetechnisch aufgewertet, Balkone werden appliziert, viele problematische Gebäude in prekären Lagen abgerissen, neue Einzelhandelsangebote appliziert, öffentliche Räume geschaffen und mit Annehmlichkeiten aller Art versehen und immer wieder werden neue Gebäude mit attraktiven Wohnraumgrößen und ansprechender Architektur in die Siedlungen implantiert, durchaus auch als Eigentumswohnungen mit dem Ziel der Verbesserung der sozialen Mischung und manches mehr. Um jedoch einen ziellos wankenden, auf bloßes Herumdoktern an Details reduzierten städtebaulichen Konkretismus zu vermeiden, ist die strategische Orientierung an einem übergeordneten Leitbild unabdingbar.
An diesem Punkt stellt sich für uns die Frage, was wir für die Zukunft der Plattenbausiedlungen von dem chinesischen Großsiedlungsbau lernen können. Im Versuch, diese Frage zu beantworten, stoßen wir auf einen fundamentalen soziokulturellen Sachverhalt: In der chinesischen Stadt von heute manifestiert sich eine städtebauliche Moderne, die viele Traditionen des chinesischen Städtebaus, die alten und die fordistischen, in sich aufnimmt, integriert und weiterträgt. Mauern und Tore, Gemeinschaftshöfe, Südausrichtung, Berücksichtigung von Regeln des ‘Feng Shui’ wo immer möglich, hat es bereits in frühen Zeiten dieser uralten Kultur gegeben - und es gibt sie immer noch. Sie werden mit den funktionalen und ästhetischen Merkmalen, Elementen und Formen des modernen Bauens zusammengebracht, mit ihnen verwoben und auf diese Weise mit ihnen vereint. Auf einen ‘reflexiven’, Tradition und Moderne miteinander versöhnenden Städtebau, wie er im Zentrum des postfordistischen Diskurses steht, kann China mithin verzichten: Diese ‘Reflexivität’, dieses ‘Vermischen’ und Vereinen von alt und neu, von Tradition und Moderne, existiert dort immer schon. Reflexiver Städtebau ist insofern selbst eine chinesische Tradition.
Die chinesische Botschaft für den Umgang mit den kriselnden europäischen Großsiedlungen kann daher nur lauten: es bedarf einer reflexiven Strategie, eines Konzeptes, das die Traditionen des europäischen Städtebaus mit den sozialen, baulichen und technischen Anliegen seiner Großsiedlungen auf eine zeitgemäße Weise zusammenbringt. Es geht also darum, dem Leitbild der europäischen Stadt endlich auch mit Blick auf die moderne Großsiedlung uneingeschränkt Geltung zu verschaffen.
Wir sagen ‘uneingeschränkt’, weil auch die moderne deutsche Großsiedlung des 20. Jh. in einigen Aspekten ‘europäisch’ war und ist. Dazu zählt, wie bereits erwähnt, ihre Offenheit und ihr unbekümmerter Umgang mit der Südorientierung. Auch der Versuch, so etwas wie Zentralität und öffentlichen Raum trotz der Herrschaft des Imperativs der Funktionsdifferenzierung zu verwirklichen, darf dazu gezählt werden. Andererseits blieb das übergreifende Ziel dieses Siedlungsbaus jedoch der ‘Ausstieg’ aus der Tradition der europäischen Stadt, die Verwirklichung eines Gegenmodells zu einer als überlebt erachteten europäischen Stadtgeschichte.
Was also bedeutet die Orientierung an dem Leitbild der ‘europäischen Stadt’? Es bedeutet, dass jenseits von bloßer Instandhaltung, energetischer Sanierung, sanitärer und wohnräumlicher Aufwertung zunächst der Verbesserung der Qualität öffentlicher Räume als Orten von Begegnung und Aufenthalt besondere Aufmerksamkeit gezollt wird. Diese Qualitätsverbesserung impliziert die städtebauliche Organisation von Zentralität durch Optimierung der Erreichbarkeit für alle. Sie impliziert darüber hinaus die Steigerung der symbolischen Bedeutung der räumlichen Mitte durch entsprechende gestalterische, auf Bildmächtigkeit zielende Maßnahmen. Zu diesen zählt nicht zuletzt eine für die Inszenierung von öffentlichem Raum erforderliche bauliche Verdichtung, um nicht zu sagen: Intimisierung.
Von vergleichbarer Bedeutung für eine reflexive Erneuerung der modernen Großsiedlung, wie die Aufwertung des öffentlichen Raums, ist die Verstärkung des für die Vielfalt und Mischung von Funktionen geeigneten Raumangebots. Die Forderung von mischgenutzten Räumen schließt diejenige nach sozialer Pluralisierung ein: Um Großsiedlungen attraktiver zu machen, ist eine soziale Hierarchisierung und Heterogenisierung des Wohnungsangebots im Sinne der Verfügbarkeit von Wohnraum für unterschiedliche soziale Schichten und für unterschiedliche Lebensstile unabdingbar. Der Schlüssel für alle Maßnahmen zur Aufwertung der in die Tage gekommenen Großsiedlungen ist mithin eine reflexive, zweite Modernisierung, deren übergeordnetes Leitbild die europäische Stadt ist, die Versöhnung von Tradition und Moderne im Medium des Städtebaus.

Übersicht: deutsche und chinesische Großsiedlungen im Vergleich
1.    offen
2.    schwache Südorientierung
3.    Teil des öffentlichen Verkehrsraums
4.    Abstandsgrün, öffentliche Parks und Plätze
5.    Wettbewerb zwischen Großsiedlung und Einfamilienhaus in der Peripherie
6.    Funktionsdifferenzierung vorrangig; Mischnutzung u. Zentralität schwach ausgebildet
7.    funktionalistisches Design mit universalistischem Anspruch
8.    Tendenz zu individualisierter (räumlicher) Identitätskonstruktion                   
9.    Bewohner ist in der Regel Mieter
1.    geschlossen
2.    strikte Südorientierung
3.    exklusives Erschließungssystem
4.    introvertierte Struktur (Gemeinschaftshöfe)
5.    Großsiedlung ‘alternativloser’ Wohnstandard
6.    Tendenz zur (kleinteiligen) Zonierung (z.B. Nahversorgungszeilen als Mauerersatz
7.    postmoderne Fortentwicklung der funktionalistischen Architektursprache
8.    Symbolisierung von Nachbar-schaftsidentität durch Architektur, Namensgebung, Dachskulpturen etc.
9.    Bewohner ist nahezu ausschließlich Wohnungseigentümer